Wir blicken hinter die Kulissen: So funktioniert der KI-gestützte Rennbetrieb beim Porsche Cup Brasil

Von Juan Montes

Der Porsche Cup Brasil macht den Rennsport zu einem Echtzeit-Entscheidungssystem. Von KI-gestützter Unfallanalyse bis hin zu Live-Telemetriedaten, die über vernetzten Plattformen zusammengeführt werden: Die Rennserie verändert die Art und Weise, wie Teams Probleme diagnostizieren, Fahrzeuge wieder einsatzbereit machen und den Rennbetrieb steuern. Damit können die Reparaturzeiten verkürzt und mehr Fahrzeuge auf der Strecke gehalten werden.

An einem Rennwochenende entscheiden manchmal nur Sekunden über Sieg und Niederlage. Wie schnell ein beschädigtes Fahrzeug wieder fahrtüchtig wird, hing lange von manuellen Inspektionen ab. Nach einem Unfall mussten die Mechaniker jedes Fahrzeug begutachten. Oft wurden dabei mehr als 100 Komponenten überprüft, bevor die Reparaturen überhaupt beginnen konnten. Dieser Vorgang konnte unter Umständen Stunden dauern und übte zusätzlichen Druck auf den ohnehin schon engen Rennplan aus.

KI beschleunigt Arbeitsabläufe

Nur wenige Monate nach Beginn der Saison 2026 verzeichnet der Porsche Cup Brasil bereits erste Erfolge mit einem neuen, auf Microsoft-Technologie basierenden KI-gestützten Unfallanalysesystem. Ingenieure und KI-Agenten arbeiten Seite an Seite, um Schäden zu begutachten und die für die Reparatur benötigten Teile zu ermitteln. Erste Ergebnisse zeigen, dass sich die Abläufe spürbar verändern. Die Teams begutachten Schäden schneller, beginnen früher mit den Reparaturen und halbieren die Gesamt-Reparaturzeit.

Wenn ein Fahrzeug des Porsche Cup Brasil verunglückt, springt die KI ein

„Der menschliche Faktor hat seine Grenzen: Zeit, Qualität und natürlich die Fehleranfälligkeit“, sagt Dener Pires, CEO des Porsche Cup Brasil, der die Rennserie vor über 20 Jahren ins Leben rief. „Wenn ich diese Einschränkungen minimieren kann, kann mein Team viel mehr leisten. Ich brauche nur dieses Tool, damit wir dieses Ziel erreichen können.“

Der Porsche Cup Brasil ist eine der weltweit größten Markenpokal-Rennserien. Dabei treten baugleiche Porsche 911 GT3 bei neun Veranstaltungen pro Jahr gegeneinander an. Die Serie legt großen Wert auf Chancengleichheit: gleiche Fahrzeuge, gleiche Vorbereitung und gleiche Chancen für jeden Fahrer.

Hinter den Kulissen betreut ein zentralisiertes Einsatzteam von etwa 200 Leuten jedes einzelne Auto auf der Rennstrecke. An einem typischen Freitag können laut Angaben der Veranstalter bis zu 20 Autos beschädigt werden. Jedes einzelne muss am nächsten Tag wieder einsatzbereit für das Rennen sein.

Die Saison 2026, die im Februar begann, umfasst die Rekordzahl von 82 Fahrern in drei Klassen: Carrera – für Profifahrer – sowie zwei Sprintserien für Halbprofis und Amateure. In jeder Klasse kommt ein anderer Typ des Porsche 911 GT3 zum Einsatz. Während die meisten Rennen in Brasilien stattfinden, stehen auch europäische Strecken im Rennkalender, darunter in Portugal und der Circuit de la Sarthe in Le Mans, Frankreich, vor dem 24-Stunden-Rennen von Le Mans.

Wenn es zu Unfällen kommt, ist es Aufgabe des zentralen Teams, unter Zeitdruck für Fairness, Sicherheit und einen fairen Wettbewerb zu sorgen. Genau hier wird KI unverzichtbar.

In den wenigen Monaten seit der Einführung des Unfallanalyse-Tools haben sich vielversprechende Ergebnisse gezeigt, sagen die Organisatoren des Porsche Cup Brasil. Das Tool wird laufend weiterentwickelt, doch bereits jetzt können die Teams durch die schnelleren Auswertungen früher mit Reparaturen beginnen. Dadurch können die engen Zeitvorgaben eingehalten und den Fahrern ein einheitliches, faires Erlebnis geboten werden. Die Veranstalter schätzen, dass sich der Zeitaufwand für die Reparatur von Schäden in etwa halbiert hat.

„Zeit ist für uns das wertvollste Gut“, sagt Enzo Morrone, Chief Operations Officer des Porsche Cup Brasil. „Für das Team und die Beschäftigten, die an den Fahrzeugen arbeiten, ist diese Lösung wirklich wichtig.“

Enzo Morrone
COO Porsche Cup Brazil

Erkenntnisse in Echtzeit

Die Unfallanalyse ist nur ein Teil einer umfassenderen digitalen Transformation. Der Porsche Cup Brasil nutzt außerdem Echtzeit-Telemetrie, um tiefere Einblicke in das Fahrverhalten der Autos während der Rennen zu gewinnen. Daten von Bordsensoren werden alle paar Sekunden an die zentrale Daten- und Analyseplattform Microsoft Fabric übertragen, sodass Ingenieure Anomalien erkennen und schnell eingreifen können. Die Erkenntnisse werden über Live-Dashboards in Microsoft Power BI visualisiert.

Renningenieure können nun erkennen, wenn ein Fahrzeug die erwarteten Parameter überschreitet, und sofort reagieren. Wenn kritische Systeme abnormale Werte anzeigen, kann das Team den Fahrer in die Box rufen oder in schwerwiegenderen Fällen das Auto sogar stoppen, um weitere Schäden oder Sicherheitsrisiken zu vermeiden. Diese Echtzeitüberwachung trägt dazu bei, Ausfälle zu verhindern, indem sie Eingriffe ermöglicht, bevor Probleme gefährlich werden – und das alles, während die Fahrzeuge noch auf der Rennstrecke sind.

„Die Verfügbarkeit von Echtzeitdaten hat die Renndynamik komplett verändert“, sagt Luis Baldini, technischer Koordinator beim Porsche Cup Brasil.

Thiago Iacopini
CEO Kumulus

Das mit dem Microsoft-Partner Kumulus entwickelte Unfallanalysesystem umfasst ein Netzwerk aus drei KI-Multiagenten, die mehrere spezialisierte Agenten steuern, welche für bestimmte Aufgaben zuständig sind. Anstelle eines einzigen Modells kommen mehrere Komponenten zum Einsatz, um die Genauigkeit zu verbessern, besonders weil Rennwagen häufig ihr äußeres Erscheinungsbild durch neue Lackierungen ändern.

„Uns wurde schnell klar, dass wir für jedes einzelne Bauteil des Autos spezialisierte Agenten entwickeln mussten“, erklärt Thiago Iacopini, CEO von Kumulus.

Der wichtigste Multi-Agent ist der Bildanalysator. Renningenieure laden Unfallbilder über eine Webschnittstelle hoch, die auf dem Azure Kubernetes Service läuft. Dort können sie zunächst einen digitalen Unfallbericht mit Kontextinformationen wie Fahrzeugmodell, Fahrer, Renntag und Unfalldetails erstellen.

Die Teams nutzen Mobiltelefone, um Aufnahmen aus verschiedenen Blickwinkeln zu machen, wobei sie sich auf die betroffenen Gebiete konzentrieren. Foto: Microsoft.

Die Web-App stellt eine Verbindung zu einem Python-basierten Backend her, das den in Microsoft Foundry gehosteten Bildanalyse-Workflow aufruft. Dieser analysiert die Bilder und identifiziert beschädigte Komponenten anhand eines Katalogs von etwa 2.000 Teilen. Eine Reihe von Agenten, gebaut mit Microsoft Visual Studio Code mit Unterstützung von GitHub Copilot, wurde darauf trainiert, unterschiedliche Fahrzeugkomponenten und Perspektiven zu erkennen.

Das KI-gestützte Unfallanalysesystem des Porsche Cup Brasil wertet Bilder von beschädigten Fahrzeugen aus und erstellt eine vorläufige Liste der betroffenen Teile. Foto: Microsoft.

Microsoft Azure AI Search verfügt über vektorisierte Anweisungen und strukturiertes Wissen, das den Agenten zu verstehen hilft, wie jedes Foto zu analysieren ist und was als Schaden an verschiedenen Teilen des Fahrzeugs gilt.

Die Unfallanalyse beginnt in dem Moment, in dem ein beschädigtes Auto in der Boxengasse eintrifft. Die Ingenieure führen eine Sichtprüfung durch und fotografieren die beschädigten Außenbereiche des Autos. Foto: Microsoft.

Doch letztendlich spielt menschliches Fachwissen in diesem Prozess weiter die entscheidende Rolle. Analysten überprüfen und validieren die Ergebnisse der KI und treffen die Reparaturentscheidungen, wobei sie Korrekturen an das System zurückspielen, um seine Leistung im Lauf der Zeit zu verbessern. Unfallbilder und zugehörige Daten werden in Microsoft Fabric gespeichert, während historische Datensätze separat in Azure Data Lake Storage abgelegt werden.

Der Porsche Cup Brasil bereitet die Einführung eines zweiten Multi-Agenten in den Arbeitsablauf vor: Der Werkstattplaner automatisiert die Teilebestellung und arbeitet eng mit dem Analyseprogramm zusammen. Darüber hinaus sind weitere fortschrittliche visuelle Modelle sind geplant, um Komponenten zu identifizieren, die auf Fotos möglicherweise nicht sichtbar sind.

Ein drittes geplantes Element ist ein Datenagent, der die Unfallanalyse mit Echtzeit-Telemetriedaten verknüpfen würde. Dieser Agent würde mehr kontextbezogene Erkenntnisse – wie Geschwindigkeit, Kraft und andere Fahrzeugparameter – in den Unfallanalyseprozess einbringen.

„Das Ziel ist es, den Einsatz von KI-Agenten innerhalb des Microsoft Fabric-Ökosystems weiter auszubauen“, sagt Baldini und verweist dabei auf das große Potenzial im Bereich der vorausschauenden Vermeidung von Fehlern und der Wartungsunterstützung. Dennoch betont er, dass KI ein Instrument zur Entscheidungsunterstützung bleibt, aber Ingenieure und Analysten die volle Kontrolle behalten und bei jeder Empfehlung die endgültige Entscheidung treffen.

Der Faktor Mensch

Für die Mitarbeiter vor Ort verändert diese Umstellung bereits den Arbeitsalltag. Früher führten Unfälle zu plötzlichen Spitzen in der Arbeitsbelastung, wodurch Mechaniker und Analysten gezwungen waren, unter hohem Druck Entscheidungen zu treffen, ohne genügend Zeit zur Überprüfung zu haben. Fehler konnten kostspielige Folgen haben und sowohl die Leistung als auch die Sicherheit beeinträchtigen.

„Zweifellos werden uns diese Tools etwas Entlastung verschaffen, sodass wir uns ein wenig entspannen und klarer denken können. Das hilft uns auf jeden Fall“, sagt Bruno Filipe Barbosa, ein Koordinator für Unfallteile, der für das Unfallanalysesystem zuständig ist.

Bruno Filipe Barbosa
Collision Parts Coordinator, Porsche Cup Brasil

Mit Blick auf die Zukunft sieht Pires, dass KI auch das Erlebnis der Fans verbessern wird, etwa durch vorausschauende Rennkommentare oder Echtzeit-Erklärungen zu Rennstrategie und Leistung.

Für den CEO war die Einführung von KI zunächst kein naheliegender Schritt. „Hätte mir jemand gesagt, KI würde bei der Reparatur von Autos helfen, hätte ich gesagt: Vergiss es“ Bei der Autoreparatur geht es um Schraubenzieher und Zangen“, gibt er zu. Als er jedoch sah, wie die KI-Tools in der Praxis funktionierten, erkannte er schnell ihr Potenzial, einige der größten Schwachstellen im Betrieb zu beheben.

Der Vorteil liegt in der Schnelligkeit – nicht nur bei Reparaturen, sondern auch bei Entscheidungen. KI verkürzt Wartezeiten, kann dazu beitragen, Fehler zu reduzieren, und verschafft den Teams mehr Klarheit, um entschlossen zu handeln, wodurch Druck in kritischen Situationen abgebaut wird.

Pires führt seine Leidenschaft für Porsche auf seine Teenagerjahre zurück, als sein Bruder ihn in einen Showroom für Importfahrzeuge in São Paulo mitnahm und auf einen Porsche 914 hinwies, der ganz hinten versteckt stand. Er starrte ihn einfach nur an und verliebte sich sofort.

Jahre später kaufte er einen Porsche, den er als „halb kaputt, halb repariert“ beschreibt. Er zerlegte ihn Stück für Stück, um zu verstehen, wie er funktionierte, und vertiefte so seine Wertschätzung für dessen Bauweise und Technologie. Im Jahr 2005 schloss sich der Kreis seiner Leidenschaft, als er den Porsche Cup Brasil ins Leben rief.

Trotz allem werde die KI die Menschen nicht ersetzen, sagt Pire. Vielmehr werde sie unterstützen, indem sie Raum für neue Denkansätze schafft, das Urteilsvermögen schärft und Kreativität dort freisetzt, wo es am wichtigsten ist: „Wenn Technologie dazu beitragen kann, unsere Arbeit zuverlässiger, effizienter und schneller zu machen, Vertrauen aufzubauen und die Produktivität zu steigern, werden wir mehr Menschen für dieses Vorhaben begeistern.“

Den englischen Original-Blogpost von Juan Montes finden Sie hier: Inside Porsche Cup Brasil’s AI-powered race operations

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