Microsoft wendet sich von OpenAI ab – und setzt auf den Superassistenten
von Matthias Hohensee
Dieser Artikel ist ursprünglich am 8. Juni 2026 in der WirtschaftsWoche erschienen.
OpenAI machte Microsoft zum KI-Vorreiter. Jetzt wird die Nähe zur Last. CEO Satya Nadella sucht den Ausweg.
Omar Shahine versucht gar nicht erst, seine Begeisterung zu bändigen. „Wir leben in einer der aufregendsten Zeiten, die ich je erlebt habe“, sagt der Manager. Er arbeitet seit 27 Jahren für Microsoft und hat bis vor Kurzem den Bestseller Word verantwortet. Aber das Project Lobster, seit Wochen Pausengespräch Nummer eins auf dem Microsoft-Campus – das ist für ihn noch mal eine andere Stufe der Faszination.
Worum es geht? Shahine grinst breit und klappt seinen Laptop auf, stolz wie ein Pokerspieler, der sein bestes Blatt präsentiert. Und auf dem Display erscheint „Sebastian“, eine Anspielung auf die Krabbe, die versucht, das Chaos im Unterwasserreich von Disneys Meerjungfrau Arielle zu ordnen.
Im von Satya Nadella geleiteten Microsoft-Reich war es die Krabbe selbst, die zunächst für Aufregung sorgte. Wie ein neuer Mitarbeiter ohne Nachnamen tauchte Sebastian eines Morgens in den Kommunikationskanälen auf, bot sich an für eine Plauderei – und zeigte sich bereit, ein bisschen Arbeit zu übernehmen.
Sebastian ist ein digitaler Assistent. Und läuft jetzt ausgerechnet auf OpenClaw über die Flure Microsofts – also auf Basis derselben quelloffenen Technologie, die Nadella auf einer Sicherheitskonferenz einmal mit einem Virus verglich.
Shahines Finger fliegen über die Tastatur, während er Sebastians Fähigkeiten vorführt: „Er checkt meine Mails, verschiebt nach Rückfrage Termine, ändert Flüge.“ Heute morgen zum Beispiel. Er sei für eine Veranstaltung im Silicon Valley von Seattle aus angereist. Bei der Buchung habe er San Francisco als Zielflughafen angegeben, ohne weiter darüber nachzudenken. Wenig später habe sich Sebastian eingeschaltet und ihm San José empfohlen; der Flughafen liege günstiger zu seinem Reiseziel, ob er daher besser umbuchen solle?Shahine bejahte. Sebastian erledigte den Rest.
Microsoft, so Shahine, liefert damit, was die Branche seit drei Jahrzehnten verspricht: einen digitalen Helfer für Büromenschen – einen persönlichen Sekretär. Und für Shahines Arbeitgeber ist der Assistent besonders bedeutsam, weil Sebastian von OpenClaw gesteuert wird.
Der Österreicher Peter Steinberger hat die Assistenztechnologie entwickelt, bevor er vor wenigen Monaten bei OpenAI anheuerte; OpenClaw wird heute von einer unabhängigen Stiftung betrieben. Insofern markiert Microsofts Einsatz von Sebastian auch einen Kursschwenk des Konzerns: Man will wieder KI-Führungsmacht Nummer eins sein – und meint, sich dafür aus dem goldenen Käfig einer weitgehend exklusiven Zusammenarbeit mit OpenAI befreien zu müssen.
Für Steinberger muss es sich wie eine abenteuerliche Kapriole anfühlen. Für Microsoft ist es ein erstaunlicher Kurswechsel. Noch vor Kurzem schien die Partnerschaft mit OpenAI als Microsofts Erfolgsgeheimnis von morgen.
Ausgangslage: ambivalent
Microsoft hat früher als viele Rivalen die Sprengkraft und Kapitalmacht generativer KI erkannt. Schon 2019 floss die erste Milliarde Dollar zu OpenAI, das seit 2015 die Technologie erforschte; weitere großzügige Finanzspritzen folgten. Die Zuwendungen verschafften Microsoft einen exklusiven Zugriff auf die Modelle von OpenAI. Sie wurden nach dem Start von ChatGPT Ende 2022 über Nacht zum Maßstab der Branche.
Nadella und seinen Leuten dämmerte aber schon bald, dass dieser Weg auch Risiken birgt. OpenAI-Chef Sam Altman wurde im Herbst 2023 in einem internen Machtkampf für wenige Tage gestürzt; Nadella musste die Macht eines Weltkonzerns nutzen, um Altman zu retten.
Auch sonst war die Ausgangslage für Microsoft ambivalent: beneidenswert privilegiert und trügerisch gut. „Microsofts früher Vorsprung beruhte auf seiner Fähigkeit, die enorme Marktpräsenz vor allem von Microsoft 365 zu nutzen und über Copilot ein KI-Erlebnis zu liefern, das auf den Modellen von OpenAI fußte“, sagt Ed Anderson, Research Vice President beim Marktforscher Gartner. Doch genau diese Stärke barg ein Fokusrisiko: „Das Rennen um die KI ist ein Wettlauf, der sich über viele Technologieebenen erstreckt.“
Unternehmen kauften Lizenzen, experimentierten – und stellten dann ernüchtert fest, dass ihre Mitarbeiter die Werkzeuge kaum anrührten. Viele griffen direkt zu ChatGPT oder, immer häufiger, zu Claude von Anthropic. Zwar meldete der Konzern jüngst mehr als 20 Millionen bezahlte Copilot-Arbeitsplätze. Doch bei mehr als 450 Millionen Office-Nutzern entspricht das nur einer Quote von kaum fünf Prozent. Eine kleine Zahl. Und eine klare Botschaft: Ein Chatfenster allein erfindet die Arbeitswelt nicht neu.
Noch schwerer wiegt eine andere Entwicklung: OpenAI hat sich vom Premiumpartner zum Rivalen gemausert. Altmans Unternehmen verkauft seine Modelle zunehmend direkt an Unternehmen und baut eigene Plattformdienste auf.
Zugleich hat Microsofts Konkurrenz aufgeholt. Anthropic punktet mit Claude bei anspruchsvollen Analysen und langen Kontextfenstern, Google ist bei multimodalen Anwendungen, also in der Kombination von textlichen, auditiven und visuellen Ressourcen stark.
Microsoft dagegen hing mit Copilot am Tropf von GPT – und wagt nun den Schritt in die Unabhängigkeit: „Wir setzen das jeweils beste Modell ein“, sagt Charles Lamanna, einer der führenden KI-Manager des Konzerns: „Es geht nicht mehr um OpenAI oder Anthropic oder Microsoft. Entscheidend ist, welches Modell eine konkrete Aufgabe am besten löst.“
Damit bricht Nadella so fundamental mit vormaligen Prinzipien des Konzerns, dass manche von einer „Refoundry“, einer Neugründung sprechen. Microsoft will KI behandeln wie ein Betriebssystem. Nicht ein konkretes Modell soll zählen, sondern eine Infrastruktur, in die hinein Modelle verlässlich integriert werden können.
Nadella hat den Umbau persönlich in die Hand genommen. In der Zentrale in Redmond bei Seattle erzählen Mitarbeiter, der Vorstandschef verbringe ungewöhnlich viel Zeit mit den Produktteams, teste Prototypen selbst und schreibe sogar eigene KI-Workflows.
Auch die organisatorischen Folgen sind tiefgreifend. Microsoft hat seine Copilot-Teams für Unternehmen und Verbraucher zu einer Einheit verschmolzen. KI-Pionier Mustafa Suleyman, den Nadella 2024 mit seinem Start-up Inflection einkaufte, entwickelt nun eigene Grundlagenmodelle. Jacob Andreou verantwortet das Copilot-Erlebnis, Lamanna die Agenten, Plattformen und die technische Integration. Der frühere LinkedIn-Chef Ryan Roslansky überwacht die Integration in Microsofts Bürosoftware. Sie alle berichten direkt an Nadella, der an den wöchentlichen Runden der Copilot-Führung teilnimmt.
Für Andreou entscheidet sich der Erfolg des Assistenten an einer schlichten Frage: Fühlen sich Nutzer durch den Einsatz der Technologie als Mensch größer? Es geht also um weit mehr als einen besseren Chatbot: Microsoft will Copilot vom Helferlein zum digitalen Betriebssystem der Wissensarbeit promovieren.
Lamanna nennt drei Stufen. Die erste ist der vertraute Chat: Frage rein, Antwort raus. Die zweite nennt sich Cowork. Damit sind Agenten gemeint, die längere Aufgaben eigenständig erledigen. Auf der dritten Stufe arbeitet man mit digitalen Mitarbeitern, die über eine eigene Identität, eigene Rechte und ein langes Gedächtnis verfügen. „Wir gehen davon aus, dass jeder Wissensarbeiter künftig Chat und Cowork nutzt“, sagt Lamanna (Stufe eins und zwei). Darüber hinaus „werden Unternehmen ganze Teams digitaler Kollegen führen“ (Stufe drei).
Nadella selbst beschreibt das Ziel als eine Art fluide Organisationsform: Die Ergebnisse einer Sitzung werden von einer KI eigenständig zusammengefasst zu Fragen, Erkenntnissen, Arbeitsaufträgen und Auftragsentwürfen, die Nutzer in Word, Excel oder PowerPoint öffnen, nachschärfen und zur weiteren Diskussion stellen. Daneben treten spezialisierte Agenten wie Researcher und Analyst, die Expertise einspeisen. Die Idee: Nutzer sollen möglichst viele Aufgaben delegieren und Zeit gewinnen; sollen es Copilot überlassen, Informationen zu sammeln, Präsentationen zu bauen, Meetings zu organisieren, Lieferketten zu überwachen.
Hier wittert Microsoft seine Chance, sich von anderen Assistenten abzusetzen. Der Konzern besitzt, was Wettbewerbern fehlt: eine gewachsene Unternehmensinfrastruktur. Outlook, Teams, SharePoint, Excel, Azure, sie alle liefern den Kontext, auf den Copilot zugreift. „Der wahre Schatz eines Unternehmens steckt in seinen Daten“, sagt Lamanna: „Wer nur ein Modell hat, unterscheidet sich in nichts vom Rest des Marktes.“
Deshalb treibt Microsoft die Vernetzung von KI-Systemen und Unternehmensdaten voran. Erst wenn die Systeme verstehen, woran Mitarbeiter arbeiten, welche Zahlen in den Tabellen stehen, welche Projekte gerade Priorität haben, werden aus netten Chatbots nützliche Arbeitsmaschinen.
Zugleich öffnet Microsoft die Software für externe Anbieter. Intern experimentiert der Konzern mit einem Model Council, in dem mehrere Modelle dieselbe Aufgabe parallel bearbeiten und sich gegenseitig kontrollieren. GPT verfasst den Bericht, Claude sucht darin nach Fehlern. Eine neue Form der Zusammenarbeit, die Nadella konkret so beschreibt: „In Excel erzeuge ich einen Entwurf mit Opus und prüfe ihn dann mit Codex gegen“, also mit einem Modell von Anthropic und einem von OpenAI: „Genau das wollen wir jedem Nutzer zugänglich machen.“
Microsoft will also nie wieder technologisch abhängig sein. Der Konzern hat den Pakt mit OpenAI verlängert und sich an der umgebauten Firma 27 Prozent gesichert. Doch die Exklusivität ist Geschichte. OpenAI darf mit anderen Cloud-Anbietern kooperieren, Microsoft im Gegenzug konkurrierende Modelle einbauen.
Für Nadella ist es ein Befreiungsschlag: Statt auf einen Anbieter zu setzen, spannt Microsoft jetzt ein Netz aus vielen Modellen. Die Wertschöpfung soll im Cloud-Dienst Azure liegen, in den Datenplattformen, in Sicherheit und Automatisierung.
Gestern noch gefährlich
Nirgends zeigt sich der Sinneswandel deutlicher als bei OpenClaw. Microsoft bezeichnete das offene System noch vor Kurzem als gefährlich; autonome Agenten könnten Zugriff auf Daten, Passwörter und Bezahlsysteme erhalten. Nun versucht Microsoft, aus OpenClaw ein marktreifes Produkt zu formen, die kreative Offenheit einer freien Technologie zu panzern mit den Sicherheits- und Kontrollstrukturen eines Weltkonzerns. So hat Microsoft Shahines Project Lobster von anfangs 100 Testern in kurzer Zeit auf 3000 hochgeschraubt.
„Das Schwierigste war bisher, Menschen zu helfen, ihre Arbeitsweise zu ändern“, meint Lamanna. Deshalb setzt Microsoft auf proaktive Agenten, nicht leere Chatfenster: Mischt sich Sebastian in Reisebuchungen ein oder bereitet er ungefragt Dokumente vor, wird er als Assistent nah- und greifbar. Er verlässt die Ebene einer abstrakten Zukunftsdebatte und fängt an, den Arbeitsalltag zu bestimmen.
Dabei gebe es nur eine Einschränkung, sagt Lamanna: „Wenn KI in deinem Namen handelt, musst du im Kontrollprozess bleiben.“ Klar. Das passt zur Kultur digitaler Großkonzerne, die automatisieren wollen und regulatorische Risiken fürchten. Während OpenAI und Anthropic mit immer spektakuläreren Modellen auch Zukunftsängste provozieren, verkauft Microsoft Stabilität, Integration, Vertrauen.
Nadella führt inzwischen erste Indizien an, dass seine Rechnung aufgehen könnte. Die Nutzung von Microsoft 365 Copilot liege inzwischen auf dem Niveau des E-Mail-Programms Outlook, sei „tägliche Gewohnheit“ geworden.
Tatsächlich gibt es inzwischen einige industrielle Poweruser, etwa in der Autoindustrie. Bei Volkswagen sind 190.000 Arbeitsplätze mit Copilot ausgerüstet, bei Mercedes 90.000, bei BMW rund 70.000; beim Beratungskonzern Accenture sind es sogar 743.000 Plätze.
Die Verbreitung ist beachtlich, sagt Analyst Anderson. Aber sie sei auch getrieben von der Marktmacht des Konzerns und einer geschickten Lizenz- und Bündelungsstrategie. Microsofts Herausforderung sei daher, „die Nutzung weiter zu steigern gegen überzeugende Alternativen von Amazon, Google und anderen“. Es genüge nicht, die Software zu verkaufen. Sie müsse auch benutzt werden, Tag für Tag, von Hunderten Millionen Menschen, die längst auch andere Werkzeuge kennen würden und ausprobiert hätten.
Auch die Anleger sind noch unentschlossen, ob sie von Nadellas neuer Strategie überzeugt sein sollen. Ihr Erfolg ist fürs Erste überschaubar, zumal angesichts gigantischer Investitionen: Allein 2026 könnte Microsoft fast 190 Milliarden Dollar in KI-Infrastruktur stecken. Das wäre mehr als die Hälfte des Umsatzes von 340 Milliarden Dollar, der im laufenden Geschäftsjahr erwartet wird.
Andererseits muss Microsoft, anders als seine Wettbewerber, eine definierte Kundenbasis nicht erobern, sondern nur halten und ausbauen: Hunderte Millionen Menschen arbeiten jeden Tag mit seinen Produkten. Es geht darum, ihre Arbeitswelt mit einer unsichtbaren KI-Schicht zu überziehen, die fast alle Prozesse betrifft.
Darauf gründet der Enthusiasmus von Microsoft-Veteran Shahine. Für ihn ist Sebastian mehr als ein cleverer Helfer. Er ist das Sinnbild des neuen Microsoft-Konzerns: weg vom bloßen Schaufenster für OpenAI, hin zu einer Plattform, die rivalisierende KI-Welten zusammenführt.