Wie von der Natur inspiriertes Design rund um Rechenzentren Wurzeln schlägt

6 Minuten

Von Athima Chansanchai

In der Nähe eines Rechenzentrums im Mecklenburg County im US-Bundesstaat Virginia sind mehr als 93 Hektar Land vor Bebauung geschützt. 3,2 Hektar (etwa sechs Fußballfelder) Land bieten als Feuchtgebiete Lebensraum für Frösche, Fische und Insekten. Hinzu kommen mehr als drei Meilen Wanderwege und renaturierte Bäche, die in Seen münden.

„Das ist ein großer Gewinn“, sagt Alex Gottschalk, Verwaltungschef des Countys. „Unsere Seen und Wasserwege sind unser Aushängeschild. Die Menschen möchten sie genießen, ganz gleich, ob sie hier leben oder als Touristen zu uns kommen.“

Von der Natur lernen

Microsoft hat im Jahr 2022 damit begonnen, von der Natur inspirierte Lösungen zur Wiederherstellung und Verbesserung natürlicher Ökosysteme einzusetzen, erstmals bei einem Rechenzentrum in den Niederlanden. Inzwischen wird dieser Ansatz, der als Biomimikry bezeichnet wird, auf mehr als 20 Rechenzentrumsstandorte in den USA und in Deutschland ausgeweitet. Biomimikry wird zudem Teil aller neuen Projekte in den USA sowie einer wachsenden Zahl von Projekten weltweit.

Bei Biomimikry geht es darum, von der Natur zu lernen, um bessere Lösungen zu entwickeln. Das kann das Kühlsystem eines Rechenzentrums ebenso betreffen wie die umgebende Landschaft. Der Ansatz von Microsoft verbindet die Perspektiven lokaler Gemeinschaften mit ökologischer Forschung und lokalem Wissen. Ziel ist, die natürlichen Funktionsweisen der Umwelt zu erfassen und anschließend Land-, Wasser- und Renaturierungspläne zu entwerfen, die diese Systeme nachahmen und verbessern.

„Das Beste daran ist, dass wir keine Einheitslösung anbieten, sondern eine Auswahl an Optionen, die individuell auf jeden Standort zugeschnitten werden können“, sagt Kaitlin Chuzi, Director of Global Land Strategy bei Microsoft. „Was in den Niederlanden sehr gut funktioniert, ist nicht unbedingt das, was in Phoenix, Wisconsin oder Ohio sinnvoll ist“, sagt sie. „Wir haben viel darüber gelernt, was für die Menschen vor Ort wichtig ist und was für die lokale Ökologie eine Rolle spielt.“

A forest creek flowing over rocks, surrounded by lush greenery.

Biomimikry an Rechenzentren weltweit

Die heimischen Bäume und Sträucher des Pilotprojekts in der Nähe von Middenmeer in Nordholland sind in den letzten vier Jahren gewachsen. Entlang des Zauns und der Autobahn erstreckt sich nun ein blumenreicher Lebensraum für eine vielzahl von Insekten wie beispielsweise Blumenestäuber und ein Außenbereich für Mitarbeitende fügt sich harmonisch in die natürliche Umgebung ein.

Auch an anderen Rechenzentrumsstandorten nehmen ähnliche Veränderungen Gestalt an. In der Nähe des Rechenzentrums in Mount Pleasant im US-Bundesstaat Wisconsin stellt Microsoft im Rahmen eines laufenden Projekts mit dem Root-Pike Watershed Initiative Network offene Feuchtgebiete, heimische Prärien und bewaldete Uferstreifen wieder her. Dabei handelt es sich um bewaldete Landstreifen entlang von Wasserläufen, die dazu dienen, Schadstoffe abzufangen, die Erosion zu verringern und natürliche ökologische Funktionen zu erhalten.

Außerdem werden zuvor begradigte Bäche renaturiert und wieder in ihren ursprünglichen, gewundenen Verlauf zurückgeführt. Das soll den Lebensraum für Wasserlebewesen verbessern, die Erosion verringern und das Oberflächenwasser filtern, bevor es in den Michigansee gelangt.

Bei einem Rechenzentrum in East Point, Georgia, sieht ein neues Projekt einen Wanderweg sowie einheimische Pflanzen und Bäume vor, darunter sowohl ausgewachsene als auch schneller wachsende Arten, um das Gelände besser abzuschirmen und es auf natürliche Weise in die Umgebung einzufügen.

Im rheinischen Revier, westlich von Köln gelegen, entstehen in den nächsten Jahren neue Microsoft Rechenzentren. An dem geplanten Standort in Bedburg umfasst das Konzept beispielsweise die Schaffung heimischer Lebensräume, Feuchtgebiete und Regenwasserrückhaltesysteme, ökologische Verbindungskorridore sowie bepflanzte Sichtschutzmaßnahmen.

Weitere Projekte zur Wiederherstellung von Ökosystemen gibt es bei Rechenzentren, die in Ohio, North Carolina und Wyoming entstehen.

Wirkung messen, Lebensräume stärken

Chuzis Team nutzt ein Tool namens Ecosystem Intelligence, das in der Microsoft Azure Cloud läuft und dabei hilft, Erfolge zu messen. Dafür werden Ökosystemfunktionen wie Wasserqualität, Artenvielfalt und Lärmminderung quantifiziert. Dies trägt dazu bei, gesündere und widerstandsfähigere Lebensräume zu planen.

Im Jahr 2022 hat Microsoft im Rahmen einer neuen Rechenzentrumsanlage südlich von Chase City in Virginia mehr als 93 Hektar ländlicher Fläche für Renaturierung und Naturschutz ausgewiesen. Das Projekt entstand in Zusammenarbeit mit dem Chase City Conservancy Project. Drei Jahre später wurde die offizielle Eröffnung gefeiert.

Zusätzlich zu den renaturierten Bächen, Feuchtgebieten und Baumpflanzungen im Mecklenburg County wurden im Rahmen des Projekts mehr als 46 Hektar als Lebensräume für Bestäuber wie Vögel und Schmetterlinge wiederhergestellt. Mit mehr als 25.000 angepflanzten Bäumen entstanden mehr als 11 Hektar bewaldete Ausgleichsflächen.

Die Projektleiter hätten den Austausch mit den Menschen in der Region gesucht, um zu erfahren, was die Bevölkerung sich wünscht, lobt County-Verwaltungschef Gottschalk. Umweltorganisationen wie die Ortsgruppe Southern Piedmont der Virginia Master Naturalists spielten eine entscheidende Rolle bei der Neugestaltung der ursprünglichen Pläne. Ursprünglich war eher ein traditionelles Naherholungsgebiet geplant, dann wurde der Schwerpunkt auf Biodiversität und den Schutz von Lebensräumen gelegt. „Was für mich an dem Schutzgebiet wirklich wichtig ist, ist die Tatsache, dass sich die Haltung der Menschen vor Ort im Ergebnis widerspiegelt“, sagt Gottschalk. „Es gab einen intensiven Dialog.“

Gemeinsam mit lokalen Gemeinschaften

Was beim ersten Projekt in den Niederlanden besonders gut funktioniert habe, so Saskia van den Muijsenberg, Mitgründerin von BiomimicryNL, sei die Einbindung der lokalen Gemeinschaften. Dazu gehörten Projekte wie „Tiny Forests“, die Schülerinnen und Schülern praktische Lernmöglichkeiten bieten, sowie Biomimikry-Schulungen für Lehrkräfte und Bildungswanderungen. Dazu gehörte außerdem die Anlage von Nahrungswäldern, also nachhaltigen landwirtschaftlichen Systemen nach dem Vorbild natürlicher Ökosysteme.

„Es ist wichtig, die Vision der Biomimikry weit zu verbreiten – nicht nur die Ergebnisse, sondern die gesamte Philosophie, die dahintersteht“, sagt sie. „Inzwischen bilden wir andere aus. Das ist grundlegend für den Aufbau von Vertrauen und Glaubwürdigkeit.“ Biomimikry ist eine von vielen Umweltmaßnahmen, die Microsoft in und im Umfeld seiner Rechenzentren umsetzt.

Im spanischen Zaragoza verbrauchen Microsoft-Rechenzentren im laufenden Betrieb kein Wasser, da sie ein geschlossenes Kühlkreislaufsystem nutzen. Dabei zirkuliert Wasser, das während der Bauphase einmalig eingefüllt wird, kontinuierlich zwischen Servern und Kühlsystemen, um Wärme abzuführen. Diese Technologie kommt bereits in Rechenzentren in Wisconsin, Georgia und vielen weiteren Regionen zum Einsatz und ist Bestandteil des Designs aller neuen Microsoft-Rechenzentren, die seit August 2024 geplant wurden.

In Newport in Wales wird Stahl für den Bau eines neuen Rechenzentrums wiederverwendet und macht dort 74 Prozent der Konstruktion aus. Und in Finnland soll eine Partnerschaft mit einem lokalen Energieunternehmen künftig 250.000 Menschen und Unternehmen mit Wärme versorgen, die aus der Abwärme der Rechenzentren gewonnen wird.

Microsoft-Directorin Chuzi sieht darin die Chance, eine Zukunft zu gestalten, in der Technologie und Natur nicht länger konkurrierende Systeme sind, sondern eine miteinander verbundene Landschaft bilden. „Die spannendste Zukunft ist eine, in der Technologie nicht losgelöst von der Natur existiert, sondern ein Teil davon wird, wie natürliche Systeme gedeihen“, lautet ihre Vision.

Weitere Informationen finden Sie im englischsprachigen Blogbeitrag.

 

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