Dear AI, so lernst du, wie du Amputierte richtig zeigst
Menschen mit Amputationen treiben die Entwicklung verantwortungsvoller und inklusiver KI voran. Der Prothesenhersteller Ottobock und Microsoft helfen ihnen.
Zwischen Büchern, Hanteln und Kinderspielzeug arbeitet Andreas Onea in seinem Wohnzimmer daran, die Wissenslücken von künstlicher Intelligenz (KI) zu schließen. Denn die meistgenutzten KI-Lösungen im Internet wissen einfach nicht, wie ein Mensch aussieht, dem der Arm ab der Schulter amputiert wurde. Ein Mensch wie Andreas Onea. „Ich werde digital behindert“, sagt der 34-Jährige, der mit sechs Jahren seinen linken Arm bei einem Autounfall verlor.
„Das bin nicht ich“, kommentiert Andreas Onea die Spielzeug-Actionfigur.
Ein Foto von sich selbst als Spielzeug-Actionfigur generieren? Das geht immer wieder schief. In seiner Wohnung in Mödling, einer 20.000-Einwohner-Kommune am südlichen Stadtrand von Wien, sitzt Onea an einem Holztisch und zeigt auf seinem Rechner die traurigen Resultate seiner Bemühungen. „Das bin nicht ich“, kommentiert er die KI-generierten Figuren, die mal einen halben Arm haben, mal einen ganzen, mal einen unförmigen Stummel. Mitunter weigert die KI sich auch ganz, weil die Darstellung eines Menschen mit einer Amputation gegen ihre Richtlinien verstoße. Wenn Trends wie die Actionfiguren aufkommen, die Menschen mit KI von sich erstellen und im Internet teilen, dann kann Onea nicht mitmachen. Diese Erfahrung ist ihm bekannter, als ihm lieb ist.
„Als Kind wurde ich bei Schwimmwettbewerben disqualifiziert, weil ich am Bahnende nicht mit beiden Händen angeschlagen habe“, sagt Onea. „Die wollten mich zum Behindertensportverband schicken.“
Doch solche Umstände einfach zu akzeptieren, war noch nie seine Sache. Onea setzte durch, dass er bei den offiziellen Wettbewerben antreten darf – und gewann später bei den Staatsmeisterschaften des Österreichischen Schwimmverbandes das B-Finale über 200 Meter Brust gegen Nicht-Behinderte. Er holte Medaillen bei Weltmeisterschaften und Paralympics, startete eine erfolgreiche Karriere als fest angestellter Leistungssportler beim Österreichischen Bundesheer und als „einarmiger Moderator“ im österreichischen Fernsehen. Jetzt tritt Andreas Onea gegen die Inklusions-Defizite von KI an.
In Mödling tollen seine beiden Söhne, ein und drei Jahre alt, vergnügt durch die Wohnung. Wenn sie eines Tages mit KI arbeiten, dann soll sie Bilder generieren, die auch Menschen mit Amputationen und Prothesen zeigen. Als Teil einer selbstverständlichen Normalität. Denn während es bei KI-Actionfiguren um Spaß geht, sind die Folgen fehlender digitaler Sichtbarkeit alles andere als lustig. Nach den Berechnungen der Weltgesundheitsorganisation leben heute 1,3 Milliarden Menschen mit einer erheblichen Behinderung. Das entspricht zwar 16 Prozent der Weltbevölkerung, doch wenn KI ein Bild generiert, spielen sie einfach keine Rolle. „Wer nicht sichtbar ist, findet nicht statt“, sagt Onea. Und je größer die Bedeutung von KI wird, desto relevanter wird das als gesellschaftliches Problem: Repräsentation ist Teilhabe – in öffentlichen Debatten und im öffentlichen Bewusstsein. Verantwortungsvolle KI ist deshalb inklusive KI. Genau daran arbeitet Onea.
Erst annotieren, dann trainieren: So wird aus Bildergalerien inklusive KI
Am Rechner klickt er sich durch Bilderkolonnen. Menschen mit gelben Westen auf der Baustelle, ein Bauingenieur hält sein Tablet mit einer Prothese. Auf dem nächsten Foto nutzt ein Mann seine Prothesenhand für die Gartenarbeit, dann folgt Unterarm mit Prothese in Nahaufnahme. Onea moderiert eine Community von Menschen mit Amputationen in einem neuen Projekt: der Erstellung einer sogenannten Community Library für inklusivere KI, bei der die Beteiligten selbst entscheiden, wie sie von KI dargestellt werden möchten.
Die Mitglieder der Communities sichten Bilder, wählen aus und annotieren sie – das heißt, sie beschreiben den Inhalt der Bilder, sodass KI-Modelle lernen können, was genau auf ihnen zu sehen ist. In Oneas Team „obere Extremitäten“ sind Menschen, die eine Hand, einen Unterarm oder den kompletten Arm amputiert bekommen haben. Eine weitere Gruppe kümmert sich um die unteren Extremitäten vom Fuß über Unterschenkel bis Oberschenkel. Die von ihnen annotierten Bilder sind das Trainingsmaterial für KI-Modelle, damit sie inklusiver werden. Ermöglicht wird das Projekt vom weltweit führenden Prothesenhersteller Ottobock aus Duderstadt und von Microsoft.
Die annotierten Bilder sind seit 22. Juli 2026 Open Source auf der Plattform Hugging Face veröffentlicht, wo KI-Entwicklerinnen und -Entwickler Trainingsdaten, Tools und mehr austauschen. Alle KI-Anbieter können die Community Library kostenfrei als Trainingsdatensatz für ihre Modelle nutzen und sie damit inklusiver machen. Onea: „Das heißt, dass wir wirklich überall adäquat und richtig – und zwar inklusiv – in den Modellen vorkommen können.“
Für das Training von KI-Modellen zur Bildgenerierung werden zwar zigtausende Bilder verarbeitet, aus denen die KI lernt. Doch schon einige hundert Bilder reichen aus, um ihr beizubringen, dass zu einer vielfältigen Darstellung von Menschen auch Menschen mit Amputationen oder Prothesen gehören. Rund 400 Trainingsbilder und bis zu 100 Videos enthalten die beiden Datensätze für obere und untere Extremitäten zum Start jeweils. Mehr als 60 Teilnehmende aus aller Welt hatten dafür Bilder und Videos eingereicht, die anschließend gesichtet, ausgewählt und annotiert wurden. „Es hat sich gezeigt, dass KI-Modelle auch mit deutlich weniger Daten trainiert werden können, wenn sie von hoher Qualität sind“, sagt Anja Thieme. Die Deutsche arbeitet als Principal Researcher bei Microsoft Research in Cambridge (Großbritannien) und betreut dort das KI-Projekt. „Deshalb wurden die Daten für die Community Library, einschließlich der Metadaten, besonders sorgfältig ausgewählt und aufbereitet.“
Liebe KI: Grüße vom Siegerpodest, vom roten Teppich und vom Dach der Welt
Ottobock macht auf die Initiative für inklusive KI mit der Kampagne „Dear AI“ („Liebe KI“) aufmerksam. Sie zeigt, was Menschen mit Amputationen leisten: Sie bezwingen den Mount Everest, bringen Höchstleistungen in Sport-Wettkämpfen, glänzen als Mode-Influencerin auf dem roten Teppich.



Am Wiener Ottobock-Standort in der Brehmstraße spricht der Chief Experience Officer Martin Böhm zwischen Sprossenwänden, Gymnastikball und Skelett über die Kampagne. An anderen Tagen üben Amputierte in diesem Trainingsraum mit Expertinnen und Experten aus Orthopädietechnik und Physiotherapie die Handhabung ihrer Prothesen. Aber Böhm geht es heute um das Übungsprogramm für KI. Mit seinem schwarzen T-Shirt und der offenen schwarzen Jacke wirkt er lässig, doch KI-Bilder von Menschen mit Prothesen, die wie Cyborgs aussehen, gehen ihm gehörig gegen den Strich. „Das kann nicht sein!“, sagt Böhm, der in Hamburg sitzt und extra für den Termin eine Dienstreise umgeplant hat.
Besonders wichtig ist ihm, dass weder Ottobock noch Microsoft entscheiden, wie KI die Amputierten darstellen soll, „sondern diejenigen, die es betrifft.“ Das sei keine kurzfristige Aufgabe für ein paar Monate: „Es geht darum, die KI-Modelle wirklich nachhaltig und dauerhaft zu verändern.“ Dafür benötige es auch jemanden, der die technische Plattform bereitstellt, erklärt Böhm. „Und da kam Microsoft ins Spiel, die uns großartig unterstützt haben.“
Die Auswirkungen von KI auf das Leben von Menschen mit Amputationen sind enorm: nicht nur bei der digitalen Repräsentation, sondern auch im ganz realen Alltag. Schon heute verbessert KI ihr Leben signifikant. „KI ist für uns eine strategische Säule. Wir setzen sie entlang der gesamten Patient Journey ein“, sagt Böhm. Zum Beispiel bei der Aufnahme von neuen Patientinnen und Patienten, beim 3D-Scan des Körpers für die perfekte Anpassung des Prothesenschafts, bei der Rehabilitation und beim Erstattungsmanagement für die Kosten. Dabei basieren mehrere der digitalen Technologien entlang der Patient Journey auf Microsoft-Angeboten. „Wo bei Ottobock KI draufsteht, ist oft Microsoft dabei“, sagt Böhm.
Perfekte Passform, lernende Technik: Hightech macht Lust, die Prothese zu tragen
Andreas Onea spürt die Fortschritte durch KI jeden Tag. Seit Juni 2026 trägt er eine Armprothese mit dem neuesten Modell der Michelangelo-Hand von Ottobock. „Das System lernt mit mir“, schwärmt Onea. Seine bisherige Prothese hatte er beispielsweise nicht zum Moderieren getragen – aus Sorge, die Prothesenhand könne sich durch falsch gedeutete Impulse öffnen und die Moderationskarten auf den Boden fallen lassen. Jetzt zeigt er gut gelaunt, wie er mit der Prothese sein Handy halten oder seinen Kindern ein Buch vorlesen kann.
„Meine alte Prothese hatte mich eingeengt wie ein Korsett. Aber die neue macht Lust, sie zu tragen“, sagt Onea.
Er bezeichnet das neue Hightech-Hilfsmittel als „Gamechanger“, schwärmt von der Karbonkonstruktion („sehr stabil, superleicht“) und der intuitiven Steuerung mit sechs Elektroden statt nur zwei wie an der vorherigen Prothese. So lässt sie sich viel präziser kontrollieren. Denn die Elektroden – münzgroße, silberglänzende Metallelemente an der schwarzen Innenseite der Prothese – sind nichts anderes als die Schnittstelle zwischen dem menschlichen Körper und der Prothese. Sie nehmen Muskelimpulse am Körper auf und geben die Befehle an die Prothese weiter. Je mehr Elektroden die Prothese hat, desto mehr unterschiedliche Befehle stehen zur Verfügung. Diese sogenannte myoelektrische Steuerung muss zuerst trainiert werden. Dafür nimmt eine Trainingsmanschette die Muskelimpulse auf und KI lernt aus den Mustern, welche Bewegungen der Prothesenträger oder die Trägerin ausführen will.
Über die connectgrip App von Ottobock auf seinem Smartphone, die kontinuierlich mit der Microsoft Azure Cloud verbunden ist, kann Onea die Funktion seiner Prothese weiter verbessern und flexibel anpassen. Sie lernt beispielsweise mit dem Feedback von Onea, zwischen absichtlichen und unabsichtlichen Signalen zu unterscheiden. Was im Sitzen etwa der Befehl zum Öffnen der Hand sein soll, kann beim Gehen unbeabsichtigt aus der Bewegung resultieren. Auf dem Weg ins Studio kann Onea mit der App alle Funktionen ausschalten, die er vor der Kamera nicht benötigt – damit die Moderationskarten auch wirklich in der Michelangelo-Hand bleiben.
Perfect Socket: KI erstellt automatisch den bestmöglichen Prothesenschaft
Paul Peyer leitet das globale Produktmanagement für Prothetik bei Ottobock und sieht in digitaler Technologie den entscheidenden Faktor für Innovationssprünge bei Prothesen. KI und vernetzte Prothesen, die zwischen den Komponenten und mit Cloud-Anbindung kommunizieren, verschieben die Grenzen des Möglichen. Deutlich wird das zum Beispiel beim Zukunftsprojekt „Perfect Socket“, dem perfekt sitzenden Prothesenschaft, der mit KI-Unterstützung für jede Person individuell generiert wird und dadurch besonders passgenau ist. „Der Prothesenschaft ist eine extrem wichtige und persönliche Komponente, weil sie den Menschen mit der Prothese verbindet und den ganzen Tag am Körper getragen wird“, erklärt Peyer. Heute ist die Schaftherstellung mit der Kombination aus analogen und digitalen Prozessschritten noch immer aufwendig und fehleranfällig.
Digitale, KI-basierte Modelle sollen in Zukunft schneller und zuverlässiger Versorgungserfolge schaffen. „Bereits heute können wir mit nur wenigen Eingaben ein passgenaues, individuelles 3D-Modell von einem Prothesenschaft generieren. Dafür machen wir uns die große Zahl historischer Versorgungsdaten zunutze. Darin sehen wir ein großes Potential für eine bessere weltweite Versorgung und einen Meilenstein für die Zukunft der Prothetik“, sagt Peyer. Perfekte Passform bedeutet: Besserer Halt, weniger Wunden und Druckstellen, präzisere Steuerung der Prothese.
Darüber hinaus könnten künftige Verbesserungen von Ottobock-Prothesen während ihres gesamten Lebenszyklus die bisher benötigten Besuche in der Orthopädietechnik-Werkstatt verringern oder verkürzen: durch Over-The-Air-Updates aus der Microsoft Cloud, wie sie beispielsweise von vernetzten Autos oder Smartphones bekannt sind.
Endlich kochen dank KI: Wie Technologie Inklusion im Alltag schafft
Die Kombination aus Updates, KI und eigenem Training sorgt dafür, dass die Prothese nicht das Produkt bleibt, das sie bei der ersten Anpassung war. Sie wird immer besser. Die Regulierung für Medizinprodukte macht zwar enge Vorgaben, was nicht verändert werden darf – damit beispielsweise Beinprothesen nicht das Falsche lernen und es zu Stürzen kommt. Maschinelles Lernen dürfe nur zum Erkennen der Bewegungsmuster mit der Smartphone-App zum Einsatz kommen, erklärt Christoph Schlotterbach, der die Entwicklung der myosmart-Prothesensteuerung und der connectgrip App leitet. Doch in dem kleinen Zentralrechner der Prothese laufen fest programmierte Algorithmen.
Für Onea ist die Möglichkeit zur Anpassung ein spürbarer Fortschritt: „Jede Amputation ist individuell, deswegen ist auch jede Versorgung individuell. Nach wenigen Wochen ist meine Prothese schon anders – und besser auf mich abgestimmt.“ Mit der neuen Armprothese werden für ihn buchstäblich Dinge greifbar, die vielen Menschen wie einfachste Alltagsaufgaben erscheinen, aber mit seiner bisherigen Prothese nicht zu bewältigen waren. „Ich kann jetzt mit der Prothese eine Flasche halten und sie mit der anderen Hand aufdrehen, das ging vorher nicht“, sagt Onea. Beim Einkaufen kann er seine Frau viel besser unterstützen, die mit dem dritten Kind schwanger ist. In der einen Hand die Einkaufstasche halten, mit der anderen Dinge hineintun – auch das ging bisher nicht.
Am meisten aber freut sich Onea darauf, endlich für sich und seine Familie ein gemeinsames Essen zaubern zu können. „Ich habe noch nie in meinem Leben richtig gekocht“, sagt Onea und fügt fast ungläubig hinzu: „Jetzt wird es wirklich möglich.“ Ganz Leistungssportler, hat er sich auch am Herd schon Ziele gesetzt: „Eine richtig gute Bolognese – die will ich unbedingt selbst hinbekommen.“
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