Erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, am 25. September 2025, als Gastbeitrag von Agnes Heftberger, Vorsitzende der Geschäftsführung Microsoft Deutschland.
Das Thema digitale Souveränität hat Konjunktur, doch die Debatte entwickelt eine riskante Schieflage. Der Fokus auf Imitation statt Innovation könnte sogar zum Standortnachteil werden.
“Made in Germany” ist das Erfolgslabel schlechthin der deutschen Wirtschaft. Es steht sinnbildlich für das Wirtschaftswunder, kaum ein anderes Land hat sich so sehr auf Exzellenz im Export spezialisiert wie Deutschland. Doch im Digitalen droht eine isolationistische Interpretation des “Made in Germany”, der die internationale Erfolgsgeschichte deutscher Unternehmen langfristig gefährden kann.
Für viele deutsche Unternehmen würde eine falsch verstandene Souveränität zur strategischen Sackgasse. Der Automobilkonzern findet in China, den USA, Japan und Indien die weltgrößten Automobilmärkte, der mittelständische Maschinenbau-Weltmarktführer will Kunden rund um den Globus mit vernetzten Anlagen beliefern, das Startup international wachsen und Kapital anziehen. Etliche Unternehmen stoßen mit nationalen Clouds buchstäblich an Grenzen. Das deutsche Exportwunder steht ohnehin unter Druck.
Um nicht missverstanden zu werden: Der Wunsch nach Souveränität, Kontrolle und Datensicherheit ist so legitim wie richtig. Doch es braucht ein differenziertes Verständnis der technologischen und ökonomischen Zusammenhänge, um Souveränität zur Stärke zu entwickeln.
Souveränität braucht Innovation statt Imitation
Rechenzentren bieten ein anschauliches Beispiel für die Fallstricke der Debatte. Keine Frage: Deutschland muss Rechenzentrumsnation werden. Die KI-Transformation braucht Rechenpower. Doch Rechenzentren zu bauen, braucht Zeit. Kurzfristig sind Gigafactories in Deutschland nicht zu haben. Souveränität als „deutsches Rechenzentrum“ zu verstehen würde bedeuten, das KI-Rennen schon verloren zu haben, bevor Deutschland richtig einsteigt. Der Rest der Welt wartet nicht auf Imitationen, sondern auf Innovationen. Deutschlands Exporterfolg basiert nicht auf Produkten, die andere auch haben, sondern auf Produkten, die andere haben wollen. Im Digitalen ist das nicht anders: Nachbauten bestehender Lösungen können nicht die Grundlage sein, um ein erfolgreiches Exportmodell für Deutschland im Digitalzeitalter aufzubauen.
Langfristig sind Rechenzentren ein wichtiger Baustein einer Souveränitätsstrategie – aber sie allein machen nicht souverän und bringen auch allein keinen wirtschaftlichen Aufschwung. In einer Wirtschaftsnation wie Deutschland darf sich kein verengtes Verständnis von Souveränität durchsetzen, das blind ist für die Bedürfnisse des Markts, sowohl des deutschen Markts wie auch des Weltmarkts.
Deutsche Unternehmen fragen internationale Konnektivität nach. Sie wünschen innovative Angebote in der Cloud, die weit über die reine Speicherung von Daten hinausgehen. Sie wollen Zugang zu modernster Technologie wie Künstlicher Intelligenz, höchste Sicherheitsstandards für ihre Daten und das größtmögliche Maß an Kontrolle, wo diese verarbeitet werden. Lösungen dafür sind am Markt verfügbar, und zwar je nach gewünschtem Sicherheits- und Souveränitätslevel sogar hochverschlüsselt mit externem Schlüssel-Management auf Kundenseite.

Für Agnes Heftberger ist digitaler Isolationismus keine Lösung – stattdessen gilt es, Deutschlands Rolle als Exportnation im Zeitalter von Cloud und KI gezielt zu stärken.
Das Fremdeln der Deutschen mit dem Nicht-Anfassbaren
Ein Stück weit spiegelt der starke Fokus auf den Standort von Rechenzentren die deutsche Vorliebe für das Physische, das Anfassbare wider. Und verkennt die enorme Bedeutung des Nicht-Anfassbaren für die eigentliche digitale Wertschöpfung.
KI wird zahlreiche Branchen, in denen deutsche Unternehmen führend sind, in den kommenden Jahren tiefgreifend verändern. Die Forschung und Entwicklung, die Produktion, die Produkte und Services selbst. Um an der Spitze zu bleiben, müssen Unternehmen führend sein bei der Implementierung und Nutzung von KI sowie bei der Entwicklung KI-basierter Anwendungen. Cloud-Rechenzentren als KI-Infrastruktur sind nur ein kleiner Teil eines großen Bildes. SAP-Chef Christian Klein etwa sagt: „In der Verbindung von angewandter KI und industriellem Prozesswissen liegt die größte ökonomische Chance für Deutschland und Europa – nicht in voreiligen Investitionen in Rechenzentren.“
Dieses Statement legt den Finger in die Wunde: Führen wir in Deutschland eigentlich die richtige Diskussion? Es gibt von Infrastruktur bis Software zahlreiche Angebote, die sofort verfügbar sind und sich den spezifischen Souveränitätsbedürfnissen von Staat, Behörden oder Unternehmen individuell anpassen lassen. Seit 42 Jahren unterstützen wir unsere Kunden vor Ort in Deutschland. Wir stehen im intensiven Austausch mit ihnen, kennen ihre spezifischen Anforderungen an digitale Souveränität genau und setzen alles daran, diesen gerecht zu werden – mit konkreten Lösungen wie der Europäischen Datengrenze, souveränen Cloud-Angeboten, innovativen Verschlüsselungskonzepten mit lokalen Partnern sowie aktiver Unterstützung im Kampf gegen Cyberkriminalität und ausländische Einflussnahme.
Die Wertschöpfung und neues Wirtschaftswachstum entstehen aus dem Zusammenspiel von Infrastruktur, Software, branchenspezifischem Knowhow und Anwendung. Echte Innovationen aus Deutschland in diesen Bereichen würden auch internationale Nachfrage finden. Die Devise muss deshalb lauten: Neumachen statt nachmachen – und innovative Lösungen entwickeln, die es derzeit noch nicht gibt. Wenn “Made in Germany” auch im Digitalen ein Erfolgslabel bleiben soll, muss es so international gedacht und gemacht werden wie eh und je.