Zum Hauptinhalt springen
Nuts and dates

Hilft Digitalisierung gesünder zu essen und zu leben?

Dr. Marlies Gruber
Bildrechte: Wilke

Der französische Soziologe Marcel Mauss hat Essen als soziales Totalphänomen bezeichnet. Das heißt: Wie und was wir essen steht stets in Wechselwirkung damit, wo, wie und mit wem wir leben, lieben und arbeiten. Ähnliches gilt für die Digitalisierung. Sie erschließt heute alle Lebensbereiche, wirkt auf unsere Ernährungsweise und beeinflusst zunehmend unser Gesundheitsmanagement. Das hat seine Vor- und Nachteile.

Viele Anwendungen des technologischen Fortschrittes erlauben es, Denk- und Handarbeit zu delegieren. Im Ernährungsbereich trifft das auf alle Sektoren zu. Ob Optimierung beim Saatgut und bei der Düngung, händlerbasiertes Instant-Payment im Supermarkt, digitale Logistiksysteme und Bestellungen im Lokal per Tablet. Von der digitalen Revolution sind die Landwirtschaft und Produktion ebenso wie der Handel oder die Gastronomie erfasst. Und auch im Haushalt und der eigenen Küche halten digitale Helfer Einzug: Roboter als Haushaltshilfen oder „Alexa“, die die Einkaufsliste erstellt und Rezeptvorschläge macht. „Mykie“ berechnet Koch- und Backzeiten und schaltet auf Zuruf den Herd an – befindet sich derzeit aber noch in der Testphase. Intelligente Kochtöpfe passen die Temperatur dem Gargut an. Fleischthermometer senden eine Nachricht, wenn das Fleisch die gewünschte Temperatur erreicht hat. Mit Kameras ausgestattete Kühlschränke bestellen Lebensmittel automatisch nach. Convenience erlangt durch die Digitalisierung eine ganz andere Dimension. Sie kann die gesamte Organisation rund ums Essen erleichtern, spart Zeit und Nerven und entlastet den Alltag.

Essen ist 1:1 Kommunikation

Vieles erlaubt die Digitalisierung also zu delegieren. Essen werden wir jedoch immer analog. Das hat sein Gutes, denn Essen ist eine zutiefst sinnliche und soziale Erfahrung. Von Anfang an erschließen wir uns die Welt durch unser körpereigenes Werkzeug – den Mund – und stehen damit in sozialem Kontakt mit unseren engsten Bezugspersonen. Um Beziehungen und Kommunikation beim Essen geht es dann auch im Erwachsenenleben. Wem schmeckt es schließlich schon allein? Fest steht: Gemeinsam zu essen und sich (auch) darüber auszutauschen, wird im digitalen Zeitalter ein soziales Bindemittel bleiben. Aufgrund der zunehmenden Interaktion mit einem virtuellen Gegenüber kann das gemeinsame Essen – vielleicht sogar wieder an Bedeutung gewinnen – quasi als Chance, persönliche Kontakte und Beziehungen zu pflegen.

Gleichzeitig leben immer mehr Menschen allein oder räumlich getrennt. Für sie bietet die Digitalisierung neue Wege des sozialen Kontakts: Sei es die Videotelefonie während eines Dinners für Paare in Fernbeziehungen. Oder wie in Japan das Angebot, sich Videos von alleine essenden Menschen anzuschauen, um als Solo-Esser fiktiv Gesellschaft zu haben. Ganz sicher ist jedoch, dass Essen mit Kollegen, Freunden oder der Familie an einem Tisch durch reine Fiktion nicht zu ersetzen ist.

Foodporn wirkt auf das Essverhalten

Viele Menschen posten ihr Essen und gepostet wird, was schmeckt. Das ist oft kalorienreich und regt – appetitlich wie es dargestellt ist – zum Konsumieren an. Zu beobachten ist, dass die Energiedichte geposteter Essens-Fotos in einem Land mit der jeweiligen Diabetes- und Adipositasrate zusammenhängt. Ob Food-Postings tatsächlich zur Entwicklung von Übergewicht beitragen oder umgekehrt Übergewichtige mehr posten, ist nicht klar. Außer Frage steht jedoch, dass das Potenzial der Social Media Kanäle für kulinarische Bildung und Gesundheitsförderung noch nicht erschöpft ist.

Digitale Helfer erleichtern den Patientenalltag

Sobald gesundheitliche Probleme bestehen, bieten Sensoren, Chips, Apps sowie Telemedizin neue Möglichkeiten der Unterstützung und Therapie. Für Diabetiker hat sich hier zuletzt sehr viel getan:

In Österreich tragen rund 600.000 zuckerkranke Menschen ein erhöhtes Risiko für Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt, Nierenversagen, Netzhautschäden oder den diabetischen Fuß. Für sie steigern Sensoren zur kontinuierlichen Blutzuckermessung, automatische Insulinpumpen und Datenübertragung zum behandelnden Arzt via Smartphone die Lebensqualität enorm. Diabetiker verbringen somit mehr Zeit im Blutzuckernormalbereich und ersparen sich bis zu 2.700 unangenehme Fingerstiche jährlich. Über Diabetes-Apps wie „mySugr“ oder „MyTherapy“ werden Blutzuckerkurven, Tagebücher über Ernährung, Aktivitäten oder die Einnahme von Medikamenten dokumentiert. Sie zeigen Patienten, behandelnden Ärzten oder Diabetologen alle relevanten Werte auf einen Blick, erleichtern das Monitoring und können zu einem gesunden Lebensstil motivieren. Diabetes ist auch eine der Hauptursachen für Erblindung, die vermieden werden kann. Wichtig dafür ist allerdings eine rechtzeitige Diagnose.

Dazu hat IRIS eine telemedizinische Plattform entwickelt, die diabetische Retinopathie erkennt, bevor Patienten Einbußen in ihrem Sehvermögen bemerken. Die Aufnahmen der Retina werden mittels verschiedener Algorithmen über die IRIS-Plattform auf pathologische Abweichungen geprüft und die Bilder stehen dann rasch zum Austausch zwischen Ärzten und Patienten zur Verfügung. Das vorzeitige Erkennen verhindert eher diabetische Blindheit und senkt zudem Gesundheitskosten.

Gesundheitsmanagement auf Knopfdruck

Digitale Unterstützung für Ärzte und Patienten gibt es darüber hinaus ganz allgemein: Damit sich Ärzte künftig mehr auf ihre Patienten und die Gesprächsführung konzentrieren können, entwickelt Microsoft mit Empower MD ein Programm, das Gesprächsnotizen zwischen Arzt und Patient automatisch aufzeichnet. Ärzte können die Notizen ergänzen oder verändern, wodurch das System lernt und immer bessere Protokolle liefert.

Künstliche Intelligenz ist außerdem hilfreich, um Patienten bei Gesundheitsfragen bzw. im Krankheitsfall zur Seite zu stehen. Über Health Chatbots können Patienten eine Reihe von Fragen zu Symptomen beantworten und erhalten Hinweise auf mögliche Ursachen sowie Vorschläge für zielgerichtete Arztbesuche. Zudem ist die Terminvereinbarung mit ein paar Klicks möglich.

Health Chatbot

Digitales Gesundheitsmanagement kann künftig demnach vermehrt zur Qualitätssteigerung der Patienten-Arzt-Beziehung beitragen, schnellere Hilfe ermöglichen und auch Einsparungen im Gesundheitssystem bringen.

Qualitätskontrolle und Reflexion

Allerdings: Wenn es um Apps und generell Datenübermittlung im medizinischen Bereich geht, ist auch Vorsicht geboten. Unweigerlich werden hochsensible personenbezogene Daten übermittelt. Die Einhaltung der Datenschutzbestimmungen ist eine große Herausforderung für alle digitalen Zukunftsprojekte im Gesundheitsbereich. Wer Apps nutzt und Daten preisgibt, sollte die Datenschutzbestimmungen genau unter die Lupe nehmen, bevor Angaben zu Symptomen, Krankheitsverlauf, Gewicht oder Größe gemacht werden. Qualitätskontrollen von Apps hinsichtlich der Einhaltungen der Datenschutzbestimmungen sind unumgänglich. Was Diabetes betrifft, ist hier bereits die Initiative DiaDigital aktiv. Sie hat ein unabhängiges Prüfverfahren für App-Hersteller etabliert. Anhand eines Kriterienkatalogs wird der Nutzen von zum Beispiel Diabetes-Apps geprüft und für Patienten, Ärzte und Diabetologen transparent gemacht. Sind die Kriterien erfüllt, gibt es grünes Licht für das Qualitätssiegel von DiaDigital.

Ganz egal, ob es um sensible Gesundheitsdaten oder Daten zu Essgewohnheiten, Lebensmittelverbrauch und Alltagsentscheidungen geht, eine kritische Reflexion der digitalen Hilfsangebote wird uns künftig noch intensiv beschäftigen. Erst, wenn es Antworten auf die Fragen gibt, wieviel Fremdbestimmung wir zulassen wollen und wie Datenschutz sicherstellt, dass wir den unzähligen digitalen Angeboten sensible Daten anvertrauen können, werden die Vorteile der Digitalisierung im Ernährungs- und Gesundheitsbereich voll zu tragen kommen.