Wie Iconem das Weltkulturerbe mit Hilfe von Microsoft KI lebendig hält

Iconem

Vor acht Jahren arbeitete der französische Architekt Yves Ubelmann in Afghanistan. Dort schoss er ein scheinbar unbedeutendes Foto eines Dorfes voller Lehmhäuser. Es war ein schneller Schnappschuss, der unabhängig von seiner archäologischen Arbeit entstand. Als er zwei Jahre später an den Ort zurückkehrte, war das Dorf weg – zerstört. Unter den wenigen verbliebenen Menschen war ein älterer Mann, der noch wusste, dass Ubelmann damals das Foto gemacht hatte. Er wollte das Foto haben.

Digitale Konservierung mittels Drohnen

„Das Bild ist die einzige Verbindung zu meiner persönlichen Geschichte“, sagte er, als er Ubelmann bat, es ihm zu zeigen. Die kleine Geste führte ihm vor Augen, wie wichtig die Bewahrung der Vergangenheit ist und gab den Anstoss für seine Gründung von Iconem: Das in Paris ansässige Unternehmen erstellt digitale 3D-Modelle historischer Wahrzeichen, die durch Krieg, Konflikte, Zeit und der Natur bedroht sind.

Mit Drohnen, die Tausende von Bildern aufnehmen können, hat Iconem bereits Orte in 20 Ländern erfasst. Die Palette reicht von der 44 Hektar grossen Ruinenfläche von Pompeji über antike assyrische Orte im Norden des Iraks bis hin zu den bergigen Überresten buddhistischer Klöster in Afghanistan aus dem dritten Jahrhundert. Das Team hat Angkor Wat in Kambodscha und die Städten von Hyderabad in Indien sowie Delos in Griechenland dokumentiert. Die digitalen Konservierungen helfen Lehrern, Schülern und Forschern beim Verständnis von Zivilisationen durch historische Stätten, die sonst nur schwer erreichbar sind.

„Es ist eine Möglichkeit, Geschichte lebendig zu halten“, so Ubelmann. „Wenn man nicht weiss, woher man kommt, dann weiss man auch nicht, wohin man geht.“

Foto von Yves Ubelmann, Gründer und CEO von Iconem bei der Vermessung mit einer Kamera.
Yves Ubelmann, Gründer und CEO von Iconem. (Foto von Iconem)

Iconem hilft beim Wiederaufbau historischer Orte

Besonders dringend war die Bewahrung der Geschichte in Syrien, wo in den sieben Jahren des Krieges alle sechs UNESCO-Welterbestätten des Landes zerstört wurden. Dazu zählen jahrhundertealte Tempel, Moscheen, Zitadellen, Grabmäler und Basare. Ubelmanns Grossvater war Architekt und befasste sich nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Restaurierung zerbombter Kirchen in Frankreich. So sieht er auch die Arbeit von Iconem in Syrien: zur Bewahrung des Erbes eines Landes und zum Wiederaufbau historischer Orte, die unter Bomben, Granaten und Plünderungen leiden.

Zu den erfassten Orten in Syrien zählen unter anderem die Wüstenstadt Palmyra, einst eine pulsierende Oase griechischer, römischer und islamischer Kulturen und heute ein Ödland von zerfallenen Tempeln und Säulen – rund 2.000 Jahre alt und systematisch zerstört.

„Der Zustand der Monumente ist wirklich erschütternd“, sagt Jonathan Chemla, CTO von Iconem, der Daten in den Jahren 2016 und 2017 erfasste. „Man spürt förmlich den Willen, eine Kultur zu zerstören. Aber man spürt auch, dass der Geist von Palmyra noch da ist.“

Teammitglieder nahmen 50.000 Fotos von Palmyra auf. Dies geschah wegen der Landminen und Drohnen. Im Westen Syriens entstanden im Auftrag eines Projekts für die UNESCO rund 150.000 Fotos vom Krak des Chevaliers, einer der berühmtesten Kreuzfahrerburgen, die jetzt durch Kampfhandlungen zerstört wurde. Erfasst wurde auch die Altstadt Aleppos. Das historische Stadtviertel, früher für seine Zitadelle aus dem 13. Jahrhundert, seine antike Moschee und einen lebhaften orientalischen Markt, den Souk oder Basar, bekannt. Davon sind heute nur noch Ruinen geblieben.

Als Welterbe-Aktivisten die Vielfalt der Kulturen zeigen

„Wir fühlen uns tatsächlich wie ein Team von Welterbe-Aktivisten“, sagt Chemla. „Wir wollen die Vielfalt der Kulturen zeigen, die es auf dem Planeten gibt oder früher gab, damit die Menschen verstehen, dass unsere heutige Welt aus der Mischung früherer Kulturen hervorgegangen ist.“

Fortschrittliche Algorithmen und die Rechenleistung von Microsoft KI ermöglichen es Iconem, schnell tausende Fotos zu hochauflösenden 3D-Modellen zusammenzustellen, die den Experten bei der Bewertung des Schadens helfen. „Vorher mussten wir hunderte Bilder einzeln von Hand zusammensetzen; das dauerte viele Stunden“, so Ubelmann. Dank Microsoft KI kann das Team auch seine Arbeit leicht skalieren und weltweit teilen. Nicht zuletzt wird es dadurch auch möglich, gespendete Touristenfotos aus der Vorkriegszeit Syriens und anderen Ländern einzubinden, um die Modelle weiter zu verbessern.

Die Modelle von Iconem sind so detailreich, dass sie zur Bekämpfung der archäologischen Plünderungen in Syrien genutzt werden können, indem sie illegale Tunnel erkennen und Hinweise auf fehlende Kunstwerke geben, die für den Schwarzmarkt bestimmt sind. Die Modelle sind so detailgetreu, dass die Betrachter das Gefühl haben, die antiken Steinmauern berühren zu können und auf dem simulierten Gelände gehen zu können.

3D-Modell von Iconem das zeigt, wie Palmyras historische Bögen wieder aufgebaut werden könnten
3D-Modell von Iconem das zeigt, wie Palmyras historische Bögen wieder aufgebaut werden könnten

Ubelmann ist begeistert von der künstlichen Intelligenz: „Es fühlt sich magisch an, weil es möglich geworden ist, die Welt nachzubilden“.

Im vergangenen Jahr zeigte Iconem seine Arbeiten aus Syrien und dem Irak auf Grossbildschirmen in der Halle des Pariser Grand Palais, wo der Anblick der historischen Umayyad-Moschee in Damaskus die Ausstellungsbesucherin Leen Toukatli mit Hoffnung und Wehmut zugleich erfüllte.

„Ich fühlte mich wie in einem Traum, als ob ich wirklich in Syrien bin“, sagt Toukatli, die 2015 aus Damaskus geflohen war und jetzt als Anwältin von Microsoft für den französischsprachigen Teil in Afrika arbeitet. „Ich spürte die Sonne in der Moschee, obwohl es in der Ausstellung dunkel war.“

Die 31-jährige Toukatli besuchte Palmyra als Kind und vergleicht dessen Bedeutung mit der Freiheitsstatue für Amerika oder des Eiffelturms für Frankreich. Sie erinnert sich an das Gefühl der Sicherheit, als sie auf dem Krak des Chevaliers stand. Sie lobt die Arbeit von Iconem als eine Möglichkeit zur Bewahrung der Erinnerung und zur Wiederherstellung verlorener Stätten. So hofft sie, dass irgendwann einmal auch ihre Kinder die Wahrzeichen ihrer eigenen Kindheit kennenlernen werden.

„Dank der Informationstechnologie können wir unsere Geschichte erhalten und rekonstruieren“, sagt Toukatli. „Die Geschichte ist ein Teil von uns, Teil eines jeden Syrers, Teil unseres Landes. Durch die Bewahrung der Geschichte bewahren wir die Menschheit.“

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