Global Accessibility Awareness Day: Interview mit Janis McDavid

Ein Mann mit Behinderung fährt auf einem Skateboard. Im Hintergrund eine Mauer mit Graffiti

Foto: Katy Otto

Heute findet der 10. Global Accessibility Awareness Day statt – ein Tag, der zum Reden, Nachdenken und Lernen über Barrierefreiheit und Inklusion anregen soll. Dafür holen wir uns bei Microsoft immer wieder gerne Input von externen Expert*innen, um neue Perspektiven kennenzulernen und dazuzulernen. Heute haben wir Janis McDavid zu uns eingeladen. Janis wurde ohne Arme und Beine geboren und engagiert sich als UNICEF Mutmacher und Experte im deutschen Bundestag sowie als Markenbotschafter für Hightech- und Zukunftsthemen. Er ist ein mehrfach international ausgezeichneter Vortrags- und Motivationsredner, dessen außergewöhnliche Reisen und Lebensprojekte regelmäßig für mediale Aufmerksamkeit in Presse und TV sorgen. Anfang des Monats erschien sein zweites Buch Alle anderen gibt es schon.

Lisa: Heute ist Global Accessibility Awareness Day. Was bedeutet Barrierefreiheit für dich?

Janis: Barrierefreiheit bedeutet die Gewährleistung von freier Zugänglichkeit zu Gebäuden, Ämtern, gesellschaftlichen Möglichkeiten, Bildung und Informationen für alle Menschen.

Zugang ist der erste, der notwendige Schritt hin zu einer Welt, in der Unterschiede keine Rolle spielen. Wenn mir als Rollstuhlfahrer der Zugang zu einem Gebäude verwehrt bleibt, weil es nur Treppenstufen gibt, dann spielen meine Merkmale leider eine Rolle – an einem Punkt, der mit wenig Aufwand zu ändern wäre.

Zugänge als Grundvoraussetzungen müssen barrierefrei sein, damit wir anschließend überhaupt über Gleichberechtigung sprechen können. Daher wünsche ich mir keine Diskussion, ob wir Zugänge barrierefrei gestalten, sondern zukünftig nur noch darüber, wie wir sie gestalten.

Hinsichtlich unseres Miteinanders und unseres gemeinsamen Tuns auf der Welt habe ich eine Vision: Ich möchte in einer Welt leben, in der Merkmale, die uns unterscheiden, nicht zu einer Unterscheidung führen.

Lisa: Welche Bedeutung hat Technologie in deinem Alltag?

Janis: In meinem Alltag umgibt mich überall neueste Technik: Ich fahre mit einem hochmodernen Rollstuhl und einem Auto, was mit einem intelligenten, digitalen System ausgestattet ist, welches zukünftig die Schlüsseltechnologie zum autonomen Fahren darstellt. Ich heize im Hightech-Rennwagen über den Hockenheimring, nutze Smarthome-Lösungen, schreibe meine Texte mit ausgeklügelten Sprachprogrammen und nutze Automatisierungstools für sich wiederholende Arbeitsabläufe.

Das alles hilft mir in meinem Leben ungemein. Technik sorgt dafür, dass keine Arme und Beine zu haben oft keine Unterscheidung darstellt – ich dies also gewissermaßen überwinden kann. Das wird in Zukunft noch besser werden.

Lisa: Wie weit sind wir deiner Erfahrung und Einschätzung nach in Deutschland mit den Themen Barrierefreiheit und Inklusion? Was muss sich noch ändern?

Janis: Wir haben auch in Deutschland noch einen weiten Weg vor uns, um meine Vision einer Gesellschaft, in der Merkmale, die uns unterscheiden, nicht zu einer Unterscheidung führen, zu realisieren. Ich wünsche mir, mit Menschen zu leben, die offen sind für vielfältige Lebensentwürfe – jenseits dessen, was „normal“ ist. Und ich bin davon überzeugt, dass wir in dieser Gesellschaft nur weiterkommen, wenn wir uns ehrlich und wahrhaftig begegnen. Wenn wir verstehen, dass ein erfülltes Leben viele Facetten hat, dass es immer eine große Menge ähnlicher Menschen gibt und gleichzeitig die Ausnahmen von der Regel. Wenn wir verstehen, dass es in einer Gemeinschaft nicht darum geht, diese Unterschiede aufzuheben, sondern ihnen gerecht zu werden – das ist für mich die Gesellschaft der Zukunft.

Um das zu erreichen muss sich noch Vieles verändern: Angefangen bei der Barrierefreiheit in allen Bereichen, der Ermöglichung gleichberechtigter Teilhabe, bis hin zur wirklichen, respektvollen Begegnung auf Augenhöhe. Solange Menschen wie ich gefragt werden, wie sie etwas trotz ihres Merkmals (Behinderung, Geschlecht, Herkunft etc.) geschafft haben. Oder was für sie als Frau / LGBTIQ+-Person / Mensch mit Behinderung die größte Herausforderung ist, haben wir das Ziel noch nicht erreicht. Solange mit solchen Fragen anderen das Gefühl vermittelt wird, nicht dazu zu gehören und Ausgrenzung zementiert wird, können wir aus meiner Sicht nicht von einer inklusiven Gesellschaft sprechen.

Mein Wunsch ist, eines Tages auf einer „inklusiven“ Veranstaltung z. B. als Fahrer bei einem Rennen am Hockenheimring zu stehen und die Frage zu stellen: „Wieso Inklusion? Wo ist der Unterschied zwischen uns? Ich fahre genauso wie ihr.“ Inklusion ist in meinem Verständnis ein Konzept, das sich am Ende selbst überflüssig macht. Eine Gesellschaft, die nicht ausschließt, muss nicht inkludieren. Dank modernster digitaler Technik gehöre ich auf der Straße schon heute ganz normal dazu.

Lisa: Was kann jede*r Einzelne tun, um sich für Barrierefreiheit einzusetzen?

Janis: Gleichberechtigt leben heißt, dass Unterschiede gesehen und akzeptiert werden. Dass es Unterschiede geben darf. Dass in der Ungleichheit die Chance, das Potenzial und die Fülle erkannt werden. Dass zu betonen ist mir sehr wichtig, denn es geht nicht darum, Unterschiede aufzuheben – was ganz davon abgesehen eh nicht funktionieren würde – es geht darum, Ungleichbehandlung zu beenden.

In meiner Vision treten wir gemeinsam einen Stein los, der andere Steine ins Rollen bringt. Schließlich stürzen sie als Lawine in das Tal der Diskriminierung und begraben die Ausgrenzung ein für alle Mal darunter.

Du musst aber nicht unbedingt auf einer Bühne stehen, um etwas zu bewirken. Und du musst auch nicht gleich damit anfangen, die ganze Gesellschaft umzukrempeln. Es reicht, wenn jede*r von uns bei sich selbst anfängt und Haltung zeigt. Denn gesellschaftlicher Wandel fängt bei jedem*jeder Einzelnen von uns an – im Kleinen. Ich bin davon überzeugt: Wenn wir etwas verändern möchten, müssen wir unseren persönlichen Wandel in Gang setzen.

Damit sind wir bei einem der für Wandel wichtigsten Werte: „Eigenverantwortung“. Wenn du möchtest, dass persönliche Merkmale oder Unterschiede keine Rolle mehr spielen, beginne bei dir selbst. Ist dein Wirkungsbereich barrierefrei? Die Straße, in der du wohnst, dein Arbeitsplatz, dein Verein oder Lieblingskneipe? Haben hier alle Menschen die gleichberechtigte Möglichkeit teilzunehmen? Wenn nicht: Was kannst du selbst ändern, mit wem darüber sprechen, welche Veränderung anstoßen?

Lisa: Was würdest du dir von Unternehmen wie Microsoft in Bezug auf Barrierefreiheit wünschen?

Janis: Unternehmen dürfen sich mehr trauen, neu zu denken. Wer davon ausgeht, dass Handys Ziffertastaturen brauchen, wird niemals ein Touchscreen-Smartphone entwickeln. Wer schnellere Pferde will, wird niemals das Auto erfinden. Wer davon ausgeht, dass man zum Autofahren Arme und Beine braucht, wird niemals Techniken einbeziehen, die Gliedmaßen überflüssig machen.

Welchen Beitrag könnt ihr bereits im Unternehmen, an Orten und in Situationen, für und mit euren Mitarbeitern leisten, um deren Merkmale, die sie unterscheiden, nicht zu einer Unterscheidung führen zu lassen?

Mehr über Janis erfahrt ihr auf seiner Webseite, sowie auf Instagram, Facebook und LinkedIn.


Ein Beitrag von Lisa Deis
Customer Success Account Manager/Disability ERG

Portrait einer Frau

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