Der Automatisierungstrend nimmt im Handel weiter Fahrt auf

Die Automatisierung im deutschen Handel schreitet dynamisch voran. Bereits vor COVID-19 wurden viele Handelsprozesse vorwiegend aus Gründen der Effizienz und Kostenersparnis sowie der Entlastung von Mitarbeitenden zunehmend automatisiert durchgeführt. Corona hat diese Dynamik einmal mehr erhöht und rückt digitale Lösungen für den kontaktlosen Einkauf in den Fokus, um die pandemiebedingten Hygienemaßnahmen am POS einfacher umzusetzen. Aber auch um Kund*innen, die zwischenzeitlich E-Commerce-Kanäle genutzt haben, wieder zurück in den stationären Handel zu bringen, spielt Automatisierung eine wichtige Rolle: Jeder dritte Deutsche (33 Prozent) wäre laut einer aktuellen Studie des Capgemini Research Institute durchaus dazu bereit, einen Teil seiner Online-Einkäufe auf Geschäfte mit Automatisierungstechnologie zu verlagern. Denn hier könnten sie den Corona bedingten Abstand zu Mitarbeitenden und anderen Kund*innen beim Einkauf besser einhalten.

Bei globalen Online-Handelsriesen existieren bereits Planungen, ihr autonomes Ladenformat nach Deutschland zu bringen. Und auch hierzulande sind Händler, Ladenbauer und Automatenexperten schon dabei, eigene Formate zu etablieren, die ohne Personal auskommen. COVID-19 hat hier einmal mehr als Katalysator gewirkt und die Nachfrage deutlich gesteigert. Aktuell setzen Händler vor allem auf fünf automatisierte Einkaufsformate, die unterschiedliche Technologien und digitale Lösungen voraussetzen: Frictionless Shopping bzw. Grab & Go Stores, Autonome bzw. unbesetzte Filialen, Teilautonome Filialen, Kommissionierautomaten sowie Paket- oder Verkaufsautomaten.

Frictionless Shopping bzw. Grab & Go Stores: Den kompletten Einkaufsprozess automatisieren

Die Königsdisziplin des autonomen Einkaufens stellen Frictionless-Shopping-Formate bzw. Grab & Go Stores dar, bei denen der Kunde sich einfach Ware nimmt und den Laden wieder verlässt. Diese Konzepte sind jedoch recht herausfordernd umzusetzen: Kund*innnen müssen beim Betreten der Filiale identifiziert, ihre Bewegungen und die der Artikel verfolgt werden, zudem muss beides korreliert werden – nur so ist ein vollautomatischer Checkout ohne Stopp beim Verlassen des Ladens möglich. Benötigt wird dazu verschiedenste Sensorik wie z. B. Kameras in Decken und Regalen oder Gewichtsmatten, entsprechende IoT-Lösungen, die Sensorikdaten aggregieren, sowie KI-Lösungen, die diese Daten auswerten und die Kunden- und Artikelbewegungen erkennen.

Wertvolle Unterstützung bieten hier die Lösungen der Microsoft Partner AWM und Zippin. Mit ihnen können Konsument*innen die Transaktion ganz einfach mit einem persönlichen QR-Code aus einer App heraus starten. Beim Betreten des Geschäfts erfassen strategisch platzierte Kameras die Besucher. Für die anonyme Verfolgung wird den Kund*innen eine zufällige ID zugewiesen. Ein zentraler Server verwendet diese, um jeden Kunden im gesamten Geschäft zu verfolgen, wenn er von Kamera zu Kamera geht. Dabei erkennt das System automatisch, wenn Kunden mit Produkten interagieren und ob sie diesen Artikel in ihren Einkaufswagen oder wieder zurück ins Regal legen. Beim Verlassen des Geschäfts wird automatisch per Digital Wallet abgerechnet und die Kund*innen erhalten eine Quittung per E-Mail oder Textnachricht.

Schaubild smarte Läden

Als Plattform-Anbieter stellt Microsoft zudem verschiedene Bausteine zum Selber-Bauen einer autonomen Filiale zur Verfügung. Darunter u. a. Azure IoT Hub, KI als Azure Cognitive Services oder Azure Machine Learning sowie vorgefertigte Starter-Kits mit Funktionalitäten, die die Basis zur Nutzung für Computer Vision (=KI-basierte Kameraauswertung) in Filialen bilden, bspw. Dynamics 365 Connected Store für den Einsatz mit vorhandenen Filialkameras.

Autonome und teilautonome Filialen: Self-Checkout im Fokus

Im Corona-Jahr 2020 wird vor allem der pragmatische Ansatz einer autonomen, unbesetzten Filiale verfolgt. Dieses Format basiert in der Regel auf einem kleineren Container-Grundriss mit ca. 50 Quadratmetern Verkaufsfläche und rund 800 Artikeln im Angebot. Zugang erhalten die Konsument*innen mithilfe einer Kunden-App. Während des Einkaufs sind die Türen geschlossen. Zum Beenden des Einkaufs wird schließlich ein Self-Checkout per App oder Station angeboten. Nach dem Checkout öffnen sich die Türen wieder und die Kund*innen können die Filiale verlassen.

Als Variante der komplett autonomen Filiale werden auch immer häufiger teilautonome Formate entwickelt, die teilweise besetzt und teilweise unbesetzt funktionieren. Hier können die Kund*innen zu den Randzeiten oder auch 24/7 den Markt betreten und per Self-Checkout-Station bzw. -App bezahlen. Die Sicherheit und der Diebstahlschutz werden dabei über Kameras, das Personal oder einen personalisierten Zugang gewährleistet.

Aus technischer Sicht steht bei diesen Formaten insbesondere das Self-Checkout per App im Fokus, das von Microsoft Partnern wie MishiPay und Rapitag ermöglicht wird. So setzt etwa der Hersteller und Händler von Sportgeräten und -bekleidung Decathlon bereits seit Ende Juni in seinen 81 deutschlandweiten Filialen auf die Scan & Go-Lösung des Microsoft Partners und Spezialisten für Self-Checkout MishiPay, die auf der Microsoft Azure Plattform aufsetzt. Über die im „MyDecathlon“-Kundenbindungsprogramm integrierte Lösung können die Kund*innen ihre Artikel ganz einfach mit ihrem Smartphone per App oder Web-Interface scannen und automatisch mittels des voreingestellten Payments zahlen. Ist die Zahlung erfolgt, wird der RFID-Tag automatisch entsichert und der Einkauf ist abgeschlossen. Das Start-up Rapitag bietet eine Self-Check-out-Lösung, die auf der automatischen Entsicherung von Sicherungs-Tags beruht, sobald gezahlt wurde.

Den Self-Checkout an der Kassenstation und über weitere Geräte ermöglicht der Microsoft-Partner GK Software mit einer Lösung, die Kund*innnen selbsterklärend durch den gesamten Scan- und Bezahlprozess führt. Statt herkömmlicher Self-Checkout-Hardware können die Smartphones der Konsument*innen hier direkt als Self-Scanning-Geräte verwendet werden.

Schaubild GK Software

Kommissionierautomaten: Roboter erobern den Handel

Auf Basis der schon länger verwendeten Kommissionierautomaten entdeckt der Handel zunehmend ein neues Format, bei dem ein kleines Warenlager auf Grundlage von Online-Bestellungen beliefert wird. Bei Abholung durch die Kund*innen wird die bestellte Ware im Kommissionierautomat per Robotik zum Ausgabefenster transportiert. Hier kann der Artikel jederzeit abgeholt und auch bezahlt werden.

Ein Spezialist für Kommissionierautomaten ist der Microsoft Partner BD Rowa, dessen Lösung auf Azure IoT setzt. Mit ihr lassen sich Warenlager effizient optimieren und die sichere Bereitstellung von Produkten deutlich beschleunigen. Bis zu 14 Packungen gleichzeitig können die automatischen Greifer aufnehmen und bewegen – die Produkterkennung wird von einer Kamera im Bewegtbild dokumentiert.

Von Microsoft Partner Self Point erhalten Händler zudem ein ganzheitliches Tool-Set, mit dem sie alle im Geschäft ablaufenden Prozesse digitalisieren können. Auf Basis seiner KI-basierten Omni-Commerce-Marketing-Technologie und Logistik-Lösungen kombiniert Self Point alle Vorteile von Off- und Online-Handel und bietet von der E-Commerce-Plattform, dem (Micro-)Fulfillment im Store per Robotik bis zur Kunden-App für den Self-Checkout via Scan & Go im Geschäft sämtliche Werkzeuge.

Paket- oder Verkaufsautomaten: Die Lösung für den hybriden Einkauf

Für das hybride Einkaufen eignen sich insbesondere Paket- oder Verkaufsautomaten als Einkaufspunkte oder Abholstationen. Verschiedene Ausführungen an Verkaufsautomaten bieten die Microsoft Partner Stora Enso Smart Cabinet und Invenda.

Die schlüsselfertige Lösung von Stora Enso Smart Cabinet verwendet nachhaltige RFID-Etiketten (Radio Frequency Identification) zur Verfolgung und Rückverfolgung der gelagerten Artikel. Diese Tags sind papierbasiert und bieten eine kunststofffreie und wiederverwertbare Lösung zur Verpackungsauthentifizierung. Per Smartphone können Kund*innen die Verkaufsautomaten öffnen und die entnommenen Lebensmittel über kompatible Zahlungsanwendungen wie MobilePay direkt bezahlen. Zusätzlich bietet Stora Enso Smart Cabinet eine Backend-Lösung an, mit denen die Betreiber den aktuellen Bestand jedes Schranks überprüfen und rechtzeitig für Nachschub sorgen können.

Kontaktloses Shopping ermöglichen auch die intelligenten Verkaufsautomaten von Invenda. Bei diesen Modellen müssen Kund*innen den Automaten gar nicht mehr berühren, sondern können ihr Wunschprodukt ganz einfach mit dem Handy auswählen und bezahlen. Neben vielfältigen Werbemöglichkeiten, die dank anonymisierter Gesichtserkennung und Daten zum Kaufverhalten optimal genutzt werden können, unterstützt die Software auch eine effiziente Logistik, bei der viele Prozesse automatisiert werden.

Eine ganzheitliche Paketautomat-Plattform bietet zudem Microsoft Partner Ombori gemeinsam mit ITAB. Auf Basis von Microsoft Azure IoT sind Händler damit in der Lage, den gesamten Kauf- und Abholprozess über eine einzige Webschnittstelle zu managen. So lässt sich z. B. der Content auf dem Digital Screen mit passenden Angeboten individuell auf die Kund*innen maßschneidern, wenn sie ihre online bestellten Artikel im stationären Hanel abholen.

Fazit: Kein Ersatz, aber eine gute Ergänzung

Dank moderner digitaler Lösungen wie diesen sind automatisierte Einkaufsformate längst keine Vision mehr, sondern finden zunehmend ihren Weg in die Versorgungskette der Kund*innen. Gerade in COVID-19-Zeiten bieten sie dem Handel wichtige Möglichkeiten zum kontaktlosen Verkauf. Und das im 24/7-Betrieb, der sich auch an sonst eher unrentablen Standorten lohnen kann. Im ländlichen Raum zum Beispiel, wo die Zahl der Verkaufsstellen im Lebensmitteleinzelhandel seit Jahren zurückgeht, könnten sich autonome Formate und Automaten unabhängig von jeder Pandemie zu einer wichtigen Ergänzung entwickeln. Komplett ersetzen werden sie die herkömmlichen Geschäfte jedoch (vorerst) nicht. Dagegen sprechen vor allem die fehlende Beratung und ein begrenztes Sortiment. Aktuell sind diese Formate eher auf Convenience-Produkte und den schnellen Bedarfseinkauf fokussiert. Im Mittelpunkt steht hier vor allem der Lebensmittelhandel, erste Ansätze mit Verkaufsautomaten im Elektronikbereich (z. B. an Flughäfen) werden jedoch ebenfalls erfolgreich umgesetzt. Ich bin sehr gespannt, wohin uns die Zukunft im automatisierten Handel noch so führen wird.


Ein Beitrag von Xenia Giese
Industry Executive Retail & Consumer Goods, Microsoft Deutschland GmbH

Xenia Giese Microsoft

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