Panel-Diskussion über die Mobilität von morgen: Raus aus dem Silo, rein in den Verbund

Panoramabild von Berlin

Luftlinienbasierte Tarife, Platooning mit fahrerlosen Bussen, Diversität in der Verkehrsplanung und echte Multimodalität: Der Personennahverkehr der Zukunft ist vielfältig, divers – und auch ziemlich komplex. Das wurde deutlich, als Microsoft neulich Presse und Analyst*innen für Tech- und Auto-Themen einlud, um mit Expert*innen aus Verkehrsplanung und Automobilindustrie darüber zu sprechen. Der Titel unseres virtuellen Meetup war: „Digital bewegt: Die Mobilität von morgen hat heute schon begonnen“.

Gleich vom Start entspann sich eine interessante Diskussion. Coco Heger-Mehnert, die beim Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) für digitale Entwicklung zuständig ist und das Netzwerk Women in Mobility mit gründete, traf auf Annette von Rolbeck, Head of Key Account Management & New Market Entry bei ZF Mobility Solutions, Sascha Pallenberg, Chief Awareness Officer bei aware_, und Henrike Etzelmüller, die als Industry Executive Sustainable Cities & Regions bei Microsoft arbeitet sowie beim Bitkom die Vorsitzende des Arbeitskreises Smart City / Smart Region ist.

Dabei stellte sich schnell heraus, dass die Mobilität von morgen ein sehr komplexes Thema ist, das neue Denkweisen erfordert: Um die vielfältigen Ansprüche an funktionale und nachhaltige Verkehrssysteme erfüllen zu können, brauchen wir nahtlose Kundenerlebnisse mit integrierten und diversen Beförderungsmethoden, in die sich alle Verkehrsmittel und Akteure mit ihren individuellen Stärken einbringen.

Nicht nur Autos: Ballungsräume brauchen Multimodalität

Das Autofahren in der Stadt macht schon lang keinen Spaß mehr, sagte Sascha Pallenberg gleich zu Beginn. Nicht nur in Taipeh, wo er seit zwölf Jahren lebt, seien die Straßen viel zu voll dafür. Als „begeisterter Autofahrer“ habe er keine Chance auf „positive emotionale Erlebnisse“ im dichten Verkehr von Taiwans Hauptstadt. Das stressfreie Vorankommen könne er viel besser mit dem hochmodernen öffentlichen Nahverkehr der Metropole organisieren.

Im Rhein-Ruhr-Gebiet sieht es ähnlich aus, sagte Coco Heger-Mehnert, doch die Probleme sind noch größer: Dort wohnen viermal mehr Leute als in Taipeh, und dem öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) auf der Schiene wird die Infrastruktur knapp, um seinen Ausbau voranzutreiben. Deshalb wird die Reaktivierung stillgelegter Strecken geprüft. Auch privatwirtschaftlich organisierte Carsharing-Unternehmen hätten sich im Ruhrgebiet noch nicht etablieren können, weil sich der Ballungsraum mit mehreren Großstädten und zehn Millionen Einwohner*innen für solche Angebote als schwierig erweist. Dennoch sei der ÖPNV mit Blick auf den kollabierenden Individualverkehr alternativlos. Für die Expertin ist er das Rückgrat urbaner Mobilität. Außerdem definiere sich der ÖPNV „innerstädtisch zunehmend breiter“ und bringe mehr On-Demand-Angebote in Eigenregie auf den Markt, wobei er verschiedene Nutzungsszenarien erprobt.

Autonomer Bus von 2getthere und ZF

Bus und Bahn bestimmen aber nicht allein den Stadtverkehr der Zukunft. „Wir brauchen mehr Multimodalität“, sagte Annette von Rolbeck. Der Verkehr müsse sich noch mehr an den individuellen Bedürfnissen der Menschen ausrichten, fordert die Expertin von ZF aus Friedrichshafen, einem der größten Automobilzulieferer der Welt. „Damit die Menschen das Auto stehen lassen, wollen sie möglichst dort abgeholt werden, wo sie sich gerade befinden, und zu Uhrzeiten, die sich nicht an üblichen Taktungen orientieren.“ ZF geht dafür mit seiner neuen Tochterfirma 2getthere ins Rennen. Ihre fahrerlosen Shuttle-Fahrzeuge fahren bis zu 22 Passagiere elektrisch und emissionsfrei durch die Gegend, ohne dass sie zwingend einen festen Fahrplan benötigen. 24 Stunden am Tag, sieben Tage pro Woche.

Für eine schnelle Anbindung von ländlichen Gegenden an den nächsten Bahnhof oder die nächste Stadt sieht ZF auch stillgelegte Bahnstrecken als ideale Einsatzorte für die autonomen Shuttles. Auf solchen separaten Strecken hat 2getthere schon langjährige Erfahrungen mit über 100 Millionen autonom gefahrenen Kilometern und 14 Millionen beförderten Passagieren gesammelt. In den Mischverkehr mit anderen Fahrzeugen will die ZF-Tochter erstmals in Brüssel am Flughafen und in den Niederlanden. In Deutschland ist das noch Neuland, doch auch hier wird es demnächst beim Projekt RABus in Mannheim und Friedrichshafen erprobt.

Diverse Mobilität: Bisherige Verkehrsplanung ist nicht genderneutral

Für einige der spannendsten Erkenntnisse sorgte Coco Heger-Mehnert, aber diesmal als Vertreterin von Women in Mobility. Das Netzwerk hat Mobilitätsdaten untersucht und festgestellt, dass auch Verkehrskonzepte und ihre Umsetzung keineswegs genderneutral sind. Sie seien von männlichen Sichtweisen geprägt und orientierten sich stark an traditionellen Familien- und Rollenbildern – etwa am Familienvater, der morgens zur Arbeit fährt und abends nach Hause.

Die Daten zeigen aber, dass vielfach durchbrochene Wegeketten der Normalfall sind: Frauen bringen ihre Kinder zur Betreuung, in die Schule oder zu Freunden, sie erledigen Familieneinkäufe und fahren zur Arbeit. „Versorgung und Pflege von Personen gehen meist mit dem Transport von Einkäufen und der Begleitung von Personen einher“, ist ein Fazit der Untersuchung. „Dadurch bestehen auch höhere Anforderungen an die Barrierefreiheit der Infrastruktur.“ Deshalb plädiert die Expertin für eine viel diversere Planung, die nicht nur aufs Auto setzt, sondern auch auf den ÖPNV und andere Mobilitätsangebote. Sie soll nicht nur Frauen stärker berücksichtigen, sondern alle Menschen mit Bedürfnissen, die vom Pendeln zur Arbeit abweichen.

Seamless Experience: Integration und Brücken bauen

Um solche Angebote realisieren zu können, sind vor allem zwei Dinge notwendig: eine ganzheitliche Sichtweise auf den Verkehr und moderne Technologien. Die Silos müssen aufgebrochen werden – und die Erfahrungen von Sascha Pallenberg in Taipeh zeigen den Weg: Die unterschiedlichen Mobilitätsangebote seien dort so stark integriert, dass Übergänge zwischen den Anbietern kaum noch spürbar sind. Der wichtigste „Kitt“ sind für ihn die elektronischen Bezahlsysteme, von denen viele parallel zur Verfügung stehen. Diese „Seamless Experience“ erkläre den Vorsprung des multimodalen Nahverkehrs in der taiwanesischen Hauptstadt, während hierzulande oft widerstreitende Interessen solche nahtlosen Kundenerlebnisse verhindern würden.

Beim zweiten Aspekt, der Technologie, spielen Firmen wie Microsoft eine wichtige Rolle. Und zwar als „Brückenbauer“, wie Henrike Etzelmüller es nennt. Auch die Microsoft-Expertin plädiert für Multimodalität, die alle Verkehrssysteme optimal zusammenbringt. Microsoft liefert Technologien und Plattformen, um Nah- und Fernverkehr sowie privaten und öffentlichen Personenverkehr aufeinander abzustimmen. „Um digitale Brücken zu bauen“, weil kein Anbieter diese Aufgabe allein bewältigen kann. Nur das Zusammenspiel und die Vernetzung aller Angebote können es schaffen. „Wir müssen interdisziplinär und übergreifend denken“, sagte Henrike Etzelmüller. „Wir brauchen Standards, um Silos aufzubrechen.“

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Ein Beitrag von Markus Göbel
Senior Communications Manager Data Applications and Infrastructure

Markus Göbel

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