Developer Stories: Chris Heilmann, der Code-Poet

Der Software-Entwickler Chris Heilmann hat den Begriff „Developer Evangelist“ und viele Internet-Techniken mitgeprägt, die wir heute für selbstverständlich halten. Manche nennen den Principal Program Manager für Browser-Tools von Microsoft sogar eine „Legende“ im Entwickler-Bereich. Er weiß genau, worauf es Developern ankommt. Und er setzt sich dafür ein, dass maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz (KI) für mehr Freiheit und Kreativität beim Entwickeln von Software sorgen.

Weihnachten ist für Chris Heilmann ein besonders Fest. Dann repariert er nämlich regelmäßig zwischen Festessen und Bescherung den Computer seines Bruders. Der Microsoft-Mann mit dem wallenden roten Lockenhaar, für das er seit Jahren in der Entwickler-Szene bekannt ist, schüttelt den Kopf und lacht: „Er macht jeden Computer kaputt und ich weiß nicht, wie er das immer wieder anstellt.“

Chris sieht das aber als Herausforderung. „Ich habe viel über Betriebssysteme gelernt, allein weil ich seine Geräte reparieren musste.“ Und ganz ähnlich geht es ihm oft, wenn er Schulungen gibt: „Die Leute kommen dabei mit Fehlern zu mir, von denen ich mir nicht einmal vorstellen konnte, dass sie technisch überhaupt möglich sind.“ Doch er mag es, dass er aus solchen Fehlern lernen kann. Und indem er sein Wissen vermittelt. „Wenn Du etwas wirklich gut lernen willst, dann bringe es anderen bei“, ist eins seiner Mottos.

Developer-Tools: Gern genutzte Lösungen für Entwickler*innen schaffen

Chris ist Autodidakt. „Ich lerne nicht besonders gern, aber wenn ich lerne, dann richtig“, sagt er, und bei Microsoft ist er damit genau richtig. Mit seinem Team entwickelt er die Developer-Tools für den Chromium-basierten Edge-Browser. Das sind Werkzeuge, welche die Arbeit beim Bau von Webseiten oder Web-basierten Lösungen erleichtern, und auch dabei heißt es jeden Tag: Lernen! Die Menge der Tools und ihrer Funktionen ist groß. Doch was soll damit in Zukunft passieren, damit sie für Entwickler*innen interessant bleiben? Wie können Chris und sein Team diese Werkzeuge weiterentwickeln, an die verschiedensten Developer-Plattformen anbinden und besser erklären? Was benötigt der Markt?

Es geht auch viel ums Aussortieren, neu Formulieren und Verbessern. Nur der geringste Teil der Entwickler-Tools für den Edge-Browser werde regelmäßig genutzt, lässt er durchblicken. Was aber nicht heißt, dass diese selten verwendeten Funktionen in der nächsten Software-Generation verschwinden können. Sie sind oft besonders nützlich, weil man beispielsweise die Barrierefreiheit oder Performance von Webseiten damit prüfen und spezielle Sicherheitstests ausführen kann. Das ist nur oft noch nicht bekannt, weil viele der Funktionen neu sind. Eine zentrale Aufgabe ist daher, die Bedürfnisse der Anwender*innen zu verstehen und in Lösungen umzusetzen, die sie gern nutzen.

Chris Heilmann auf einer Bühne
Chris spricht als Developer Evangelist auf vielen Konferenzen rund um den Globus.

Dafür arbeiten 22 Leute in dem Team von Chris Heilmann. Die meisten sitzen in den USA, aber er hält heute alle Fäden in Berlin zusammen, nachdem er 16 Jahre in England lebte. Einmal in der Woche werden die Ziele definiert: Chris erklärt, leitet, lenkt und bereitet die nächsten Entwicklungsschritte vor, wobei ihm sein umfangreiches Wissen über die verschiedensten Developer-Methoden hilft. Mit der BASIC-Programmierung fing vor vielen Jahren alles an. Dann folgten Maschinensprache, HTML, CSS, JavaScript, ein Umstieg auf Perl, von dem es schnell zu PHP ging, bevor er schließlich wieder bei JavaScript landete. Denn die Skriptsprache hatte sich inzwischen von einem kleinen Werkzeug für lustige Webseiten-Effekte zu einem mächtigen Entwickler-Tool für umfangreiche Cloud-Lösungen entwickelt.

Heute programmiert Chris nur noch selten in seinem Job. Er agiert viel öfter als „Übersetzer“ zwischen seinem Team und anderen sowie weiteren Abteilungen und Segmenten oder auch dem Management bei Microsoft. „Ich habe 25 Jahre in diesem Bereich gearbeitet“, sagt Chris mit einem Blick auf das Programmieren als Handwerk. Heute erlaube er sich, jüngeren Entwickler*innen eine Chance zu geben, ihre Talente zu zeigen.

Der Beginn einer legendären Reise: Thomson TO7-70 mit Microsoft Basic 1.0

„Ich war immer begeistert von Computern und wollte als Kind einen eigenen R2D2 haben“, erzählt Chris. 1982 erscheint Tron: einer der ersten Filme, der zum großen Teil am Rechner entstand. Da ist Chris gerade einmal sieben Jahre alt – und fasziniert für sein Leben. Das Problem: Er kommt aus einer Familie von Bergleuten und Fabrikbeschäftigten, für einen eigenen Computer gibt es kein Geld.

Doch was tut der Zehnjährige aus Schweinfurt? Er geht zu Quelle und ist bald schon Stammgast in den Niederlassungen des Versandkaufhauses. Stundenlang steht er an den ausgestellten Rechnern und programmiert. Daneben trägt er Zeitungen aus und wäscht Autos, damit er seinen ersten eigenen Computer zusammensparen kann: einen Thomson TO7-70 mit Microsoft Basic 1.0. „Der konnte allerdings nichts speichern“, erklärt er das große Dilemma seiner Anfangstage. „Ich musste also jeden Tag wieder dasselbe Programm schreiben und es immer weiter verbessern.“

Nach dem Zivildienst heuert Chris beim Radiosender Primaton für die Region Main-Rhön an, wo er ohne Bezahlung arbeitet. Wenn er nicht moderiert, fährt er Pizza aus und entdeckt in dieser Zeit das Internet für sich. Mitte der 1990er-Jahre programmiert er seine ersten Webseiten und landet bald als HTML-Entwickler beim Online-Shop eToys, bevor schließlich nach London zieht und Chefentwickler bei dem Software-Anbieter Agilisys wird. 2006 zieht es ihn dann zu Yahoo: Als Trainer und Entwickler arbeitet er dort an Produkten wie Yahoo Answers, der Suchmaschine und dem Unternehmensverzeichnis Yahoo Local sowie dem zugehörigen Landkarten-Service.

Anschließend geht er für vier Jahre zur Mozilla Corporation und treibt dort die Etablierung des offenen Standards HTML5 voran. „Ich war immer sehr an Programmierung interessiert, die Interfaces herstellt oder Dinge, die man sich anschauen kann“, sagt Chris und rollt das R dabei immer noch so wie vor Jahrzehnten in seiner fränkischen Heimat. Deshalb schrieb er schon im Kinderzimmer sein erstes Malprogramm auf dem Thomson TO7-70. Die Geschichte der modernen User-Experience im Internet ist zum großen Teil auch seine eigene. Und wer heute seinen Namen in die Suchmaschinen eingibt, landet ziemlich schnell auf Webseiten, die Chris Heilmann als „Legende“ bezeichnen.

CodePo8: Gut lesbarer Programmier-Code ist einfach schön

Auf Twitter nennt er sich selbst CodePo8. Dieser Name ist ein Leetspeak: Netzjargon, der möglichst viele Buchstaben durch ähnlich aussehende Ziffern ersetzt und als „Code-Poet“ ausgesprochen wird. Damit spielt er auf sein inniges Verhältnis zum Code an. „Programmiersprachen haben ihre eine eigene Syntax“, sagt er und vergleicht sie mit Sonetten von Shakespeare. „Es gibt Code, den man anschaut und einfach schön findet.“ Auch wenn er vielleicht nicht optimiert wurde, ist er dennoch gut zu lesen.

Selfie von Chris Heilmann bei der Arbeit an seinem neuen Buch
Chris arbeitet zurzeit an der neuen Version seines Buches über Developer Evangelism.

„If Hemingway wrote JavaScript“, heißt eins seiner Lieblingsbücher. Darin übersetzt Angus Croll, Entwickler beim Fahrdienstleister Uber, berühmte Werke der Literaturgeschichte in JavaScript. Auch Shakespeare ist mit einer Kostprobe dabei. „Ich finde es schade, wenn Leute die Programmierung nur als etwas ansehen, das für Computer ist.“ Der Code müsse für die Menschen da sein: für Entwickler*innen beispielsweise, die ein Projekt übernehmen und Programmierzeilen ihrer Vorgänger*innen weiter fortschreiben. Seine Zeit beim Radio prägt ihn bis heute. Wenn Chris seinen Blog schreibt, formuliert er genauso wie damals für die Sendung: einfach, verständlich und auf den Punkt. Genau so müsse auch Programmier-Code sein.

Developer Evangelist: Im Einsatz für Entwickler*innen und Community

Chris gilt als einer der Ersten, die den Begriff „Developer Evangelist“ verwendeten und mit Leben erfüllten. Bei Yahoo schrieb er 2009 darüber ein Handbuch, das ein großer Erfolg wurde. Viele Unternehmen nutzen es bis heute als Leitfaden und die neue Version Developer Advocacy“ ist gerade in Arbeit. „Fast alle Entwicklerinnen und Entwickler schauen auf zu anderen Entwicklerinnen und Entwicklern, die sie bewundern“, erklärt Chris. Das sei vielen Firmen noch gar nicht bewusst. Er sieht sich auch heute noch als Developer Evangelist, der bei Microsoft und anderswo für Entwickler*innen eintritt, Überzeugungsarbeit beim Management leistet und die speziellen Bedürfnisse der Community kennt. „Unternehmen müssen lernen, Entwicklerinnen und Entwicklern besser zuzuhören“, sagt der Experte. „Dafür sind Developer Evangelists wichtig.“ Gute Programmier*innen seien heute Mangelware, deshalb sei der richtige Umgang mit ihnen entscheidend. Microsoft habe das verstanden und zähle heute viele der wichtigsten Entwickler*innen der Welt zu seinen Mitarbeitenden.

Maschinen lernen: Wir sollten ihnen das Richtige beibringen

„Die Roboter kommen und wir sollten ihnen ein gutes Beispiel geben”, steht als Spruch über dem Twitter-Profil von Chris Heilmann. Auch wenn Maschinen heute schnell lernen und analysieren könnten, seien sie oft noch ziemlich dumm. Um sie wirklich intelligent und kreativ zu machen, müssten sie das Beste von uns erlernen: Empathie und Emotionen, um ihre Zusammenarbeit mit den Menschen zu verbessern. „Wir dürfen die Maschine nicht nur füttern, sondern müssen ihr auch Menschlichkeit beibringen“, ist ein weiteres Motto von ihm. Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen sollten mehr Freiheit und Kreativität ermöglichen.

„Ich finde es widersinnig, wenn Menschen davor warnen, dass KI ihnen Jobs wegnimmt“, sagt er. „Mein Vater hat 40 Jahre in einer Fabrik gearbeitet. Davor war er Bergmann und am Ende war er kaputt. Das sind keine Jobs, die Menschen machen sollten.“ Auch im Software-Sektor gebe es vergleichbare Bereiche: Viele Entwickler*innen seien zwar gut bezahlt, aber genervt von „immer wiederkehrenden Aufgaben“ und „stupiden Datenbankabfragen“. Das mache Menschen unglücklich. Maschinen könnten das besser, „und sie sollten es auch tun“. Damit Entwickler*innen durch Automatisierung, KI und maschinelles Lernen frei und kreativ werden, um interessante Sachen zu programmieren, mit denen sie glücklich sind. Doch zu Weihnachten muss er wohl erst wieder den vermurksten Computer seines Bruders zum Laufen bringen.

In unserer Artikelreihe „Developer Stories“ stellen wir regelmäßig spannende Microsoft-Entwickler*innen und ihre Projekte vor. Die erste Folge mit Jörg Neumann, Chefentwickler des Microsoft Flighsimulator, gibt es hier zu lesen.


 

Ein Beitrag von Markus Göbel
Senior Communications Manager Data Applications and Infrastructure

Markus Göbel

und Johanna Ronsdorf
Trainee Business Communications AI & Innovation / Data Applications & Infrastructure

Foto von Johanna Ronsdorf, Trainee Business Communications AI & Innovation / Data Applications & Infrastructure

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