KI gestalten mit: Thomas Langkabel

Papierbogen zeigt Thomas Langkabel, National Technology Officer bei Microsoft Deutschland

In unserer Reihe „KI gestalten mit“ stellen wir Personen hinter der Technologie und ihre Visionen und Projekte rund um künstliche Intelligenz vor.

Thomas Langkabel ist National Technology Officer bei Microsoft Deutschland. In seiner Rolle beschäftigt er sich mit technologischen Trends und ihren Auswirkungen. Zudem vermittelt und übersetzt er die Technologie-Vision von Microsoft. Darüber hinaus beteiligt sich Thomas an vielen digital-gesellschaftlichen Diskursen, beispielsweise im Co:Lab oder als Vizepräsident der Initiative D21 e.V..

Aktuell befasst er sich intensiv mit dem Thema „Responsible AI“ und damit, wie wir Prinzipien für einen verantwortungsvollen KI-Einsatz in Produkten und Projekten verankern können. Es begeistert ihn, aktuelle Technologien zu durchdringen und mit vielen Menschen und ihren unterschiedlichen Perspektiven darüber zu diskutieren.

Wie bist du das erste Mal mit KI in Berührung gekommen?

Thomas: „Ich denke, es ist wahrscheinlich schon über 30 Jahre her, als ich an meinem ersten 80286 PC mit MS-DOS 4.01 und einem 14.4 Modem mit dem Programm ELIZA rumgespielt habe. ELIZA hat eine frühe Stufe des Natural Language Processing genutzt, um eine Psychotherapeutin zu simulieren und mit ihr ein Gespräch durch den Austausch von Fragen und Antworten per Text zu führen. Sie war wahrscheinlich der erste Chatbot und ein früher Versuch, sich dem Bestehen des Turing Tests zu nähern. Danach war es dann für mich wieder viele Jahre ruhig zu dem Thema, es war ja auch mitten im sogenannten ‚zweiten KI-Winter‘ – heute würde man vom ‚Tal der Enttäuschung‘ im Gartner Hype Cycle sprechen.

Als National Technology Officer gehört es zu meinen Aufgaben, mich früh mit kommenden Technologien auseinander zu setzen, insbesondere solchen, die eine hohe Bedeutung für die Gesellschaft erlangen werden. Daher beschäftigen mich die großen Fortschritte, die durch neue Ansätze wie Neuronale Netze und Cloud-Technologie für den Erfolg von künstlicher Intelligenz möglich werden, jetzt wieder bereits seit mehr als 10 Jahren.“

Der Einsatz von KI ist mit großen Erwartungen, aber auch einigen Unsicherheiten verbunden. Woran liegt das und was sind aus deiner Sicht die Chancen?

Thomas: „Es gibt noch sehr viel Unkenntnis, was KI eigentlich ist, was sie leisten kann, wo ihre Grenzen liegen und wie der Stand der Technik tatsächlich aussieht. Es findet viel Marketing mit dem Begriff statt und Menschen verbinden damit Bilder und Charaktere aus Hollywood-Blockbustern, von WOPR aus dem Film War Games, HAL aus 2001: Odyssee im Weltraum, über Sonny aus I, Robot bis hin zu Ava in Ex Machina…

Thomas Langkabel am Arbeitsplatz mit Smartphone in der Hand

Utopische Beispiele für sogenannte ‚starke künstliche Intelligenz‘, von der wir aber heute noch unabsehbar weit entfernt sind. Falls sie überhaupt jemals erreicht werden kann – und sollte. Völlig unterschätzt wird gleichzeitig, welche Relevanz die ‚schwache künstliche Intelligenz‘ in unserem Alltag bereits hat. Beispiele gibt es unendlich viele, von guten Chatbots über Echtzeit-Übersetzung und -Untertiteln, bis hin zur Foto-Kategorisierung beim Ausblenden von Hintergründen in Videokonferenzen. Wir müssen für die Entwicklung und Nutzung von KI klare Prinzipien wie Fairness, Transparenz und Verantwortlichkeit aufstellen. Die EU-Kommission hat gerade einen Vorschlag für eine Regulierung von KI vorgelegt, die aus meiner Sicht in die richtige Richtung geht und helfen wird, Unsicherheiten abzubauen und das Vertrauen in verantwortungsvolle KI zu stärken.“

Welches Narrativ würdest du dir mit Blick auf KI für die Zukunft (in Deutschland) wünschen?

Thomas: „KI wird uns helfen, unsere Welt genauer zu verstehen und bessere Entscheidungen treffen zu können. Der Mensch hat beschränkte Fähigkeiten, wenn es darum geht, große Datenmengen aus unterschiedlichen Quellen und an vielen Orten in Echtzeit zu verarbeiten und darin Zusammenhänge und Muster zu erkennen.

Das ist aber notwendig, um zu optimalen Entscheidungen und Reaktionen zu kommen, die alle Einflussfaktoren berücksichtigen und zuverlässige Prognosen für zukünftige Ereignisse erlauben. Mit KI können diese Beschränkungen überwunden werden.

Ein Beispiel dafür ist die Erhöhung der Verkehrssicherheit und die Reduzierung der Zahlen von Unfällen. Die überwiegende Zahl der tödlichen Verkehrsunfälle in Deutschland hat nichts mit technischem Versagen von Fahrzeugen zu tun, sondern mit menschlichem Versagen. Falsches Einschätzen der Geschwindigkeit, Übersehen, tote Winkel, Ablenkung, Müdigkeit, zu lange Reaktionszeit, falsche Reaktion… KI wird uns allein in diesem Bereich in der Zukunft mit Assistenzsystemen sehr helfen, aber auch in nahezu allen anderen Bereichen unseres Lebens, wie der Diagnostik und Therapieauswahl in der Medizin.“

Welchen Beitrag kann jede und jeder von uns aus deiner Sicht für die Weiterentwicklung von KI leisten?

Thomas: „Offenheit, Optimismus, Realismus und Neugier wären ein guter Anfang, also auch das Abhaken der Hollywood-Dystopien und der Verzicht auf überzogene Heilsversprechen. Für diejenigen, die KI-Systeme entwickeln ist es wichtig, sich Gedanken zur verantwortungsvollen Konzeption und Umsetzung zu machen. Die prinzipienbasierten Regulierungen, wie die bereits erwähnte der EU-Kommission oder auch der Kriterienkatalog für KI-basierte Cloud-Dienste des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik werden da helfen. Es geht aber nicht nur darum, Checklisten abzuhaken oder Zertifikate zu sammeln. In der Ausbildung von Informatiker*innen und Data Scientists müssen die Grundlagen und Fähigkeiten für ‚Responsibility by Design‘ in KI-Systemen angelegt werden. Wir haben bei Microsoft dafür inzwischen einen eigenen, weltweit verbindlichen Standard für Responsible AI.

Die Anwender*innen wiederum sollten KI-Systeme als unvollkommene, aber laufend verbesserbare Systeme sehen, von denen sie Transparenz zur Arbeitsweise, Diskriminierungsfreiheit, Datenschutz, Zuverlässigkeit, Sicherheit, Inklusion und klare Verantwortlichkeiten fordern sollten. Und schließlich: KI-Systeme leben davon, mit guten und umfangreichen Daten trainiert zu werden. Unter Gewährleistung des individuellen Datenschutzes kann jede*r zu besseren KI-Systemen beitragen, indem wir anonymisierte oder nicht personenbezogene Daten für Forschung, Entwicklung und zum Training von Modellen zur Verfügung stellen, die jüngste Datenstrategie der Bundesregierung zeigt da in eine gute Richtung.“

Du sollst eine Person in drei Sätzen vom Nutzen von KI zu überzeugen: Wie sähe dein Elevator Pitch aus?

Thomas: „Erstens: KI wird die Menschheit voranbringen, weil wir die Welt besser verstehen und bessere, rationale Entscheidungen treffen werden.

Zweitens: KI wird die Menschen zusammenbringen, weil Sprach- und Kommunikationsbarrieren überwunden werden können und wir Systeme schaffen, die für alle einfacher zu bedienen sind, auch und gerade für Menschen mit Einschränkungen und Behinderungen.

Drittens: Die Beschäftigung mit der verantwortungsvollen Umsetzung von KI bringt uns auch zu einer neuen Auseinandersetzung mit ethischen Fragen und Werten und zur Reflektion darüber, was für uns wichtig ist und welche Leitplanken wir uns setzen sollten – nicht nur für KI-Systeme, sondern insgesamt im analogen und digitalen Leben.“

Bonus-Frage: Hast du Vorbilder, die dich zum Thema KI inspirieren und von denen du gerne lernst?

Thomas: „Ja, einige, zwei fallen mir sehr spontan ein: Katharina Zweig, sie ist Bioinformatikerin, Professorin und Leiterin des Algorithm Accountability Lab an der TU Kaiserslautern und Autorin einiger guter Bücher zu KI-Themen.

Und Kate Crawford, für mich eine der renommiertesten Wissenschaftlerinnen zu gesellschaftlichen, sozialen und politischen Aspekten von künstlicher Intelligenz. Sie arbeitet als Senior Principal Researcher bei Microsoft Research, ist im Kontext von KI auch an verschiedenen künstlerischen Projekten beteiligt und hat gerade ihr neues Buch „ATLAS OF AI“ veröffentlicht, auf das ich schon sehr gespannt bin.“

KI gemeinsam gestalten

Drei Personen auf dem Fahrrad

Für uns steht fest: Wir müssen KI gemeinsam gestalten. Nur dann können wir sicherstellen, dass möglichst alle Menschen von den Chancen profitieren, die damit einhergehen. Dazu gehört ein offener Dialog, den wir im Rahmen unseres Formats #KiTweetUp bei Twitter führen.

Dort tauschen wir uns regelmäßig zu Fragen und Ideen rund um künstliche Intelligenz aus. Wer nichts verpassen möchte, folgt @MicrosoftDE und hält #KiTweetUp im Blick. Wir freuen uns!

Weitere Ressourcen:

 


Ein Beitrag von Pina Meisel
Communications Manager AI & Innovation

Pina Meisel als Portrait-Bild

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