Developer Stories: Sydne-Aline Straßer – Wie Vertrieb und Data Science zusammenspielen

Als Solution Specialist für Data-&-AI-Lösungen unterstützt Sydne-Aline Straßer den Einzelhandel bei der digitalen Transformation. Zum Programmieren kam die Microsoft-Expertin erst später – doch was sie dabei über Big Data und künstliche Intelligenz (KI) lernte, hilft ihr heute dabei, die bestmöglichen Lösungen für Unternehmen zu finden.

Die Nächte waren oft lang. Mitunter habe sie sich wie in einem Tunnel gefühlt, berichtet Sydne-Aline Straßer über die Zeit, in der sie über Stunden hinweg an ihrem Python-Code arbeitete. Befehl für Befehl, Zeile für Zeile. Das muss man sich vorstellen: Bis zu ihrem Masterstudium in „Big Data und Analytics“, das im April endete, hatte die Microsoft-Expertin für künstliche Intelligenz noch nie programmiert. Und dann tat sie es plötzlich jeden Tag.

Zuvor hatte sie ihr duales Studium mit einem Bachelor in „International Business“ in Kooperation mit einem internationalen Technologie-Unternehmen abgeschlossen. 2015 startete sie dann im Bereich Partner Business Development bei unserer „Microsoft Academy of College Hires“ (MACH), einem speziellen Einstellungsprogramm für Hochschulabsolvent*innen. Eine interne Microsoft-Transformationsinitiative weckte zu dieser Zeit bereits ihre Leidenschaft, tiefer in die Technologie einzutauchen.

Von 2017 bis 2019 verstärkte sie deshalb in einer technischen Pre-Sales-Rolle mit Schwerpunkten auf Analytics und künstliche Intelligenz das Lösungsgeschäft von Microsoft Deutschland in der Specialist Team Unit (STU) und unterstützte Kunden bei ihrer digitalen Transformation. Aus dieser Zeit berichtet auch ein Artikel über Sydne-Aline aus unserer Serie The Life of a Microsoftie. Danach trieb sie ihre eigene Transformation voran: Ende 2019 tauschte sie ihren Job bei Microsoft gegen ein eineinhalbjähriges Studium in Madrid, um dort einen internationalen MBA und Master in Analytics & Big Data als Doppelabschluss zu erlangen. Dazu trieb sie der Wunsch, die Technologien von Microsoft noch besser zu verstehen.

Mit großem Interesse an Data Science begann sie daher in Madrid erstmals mit dem Programmieren und der Arbeit an Big-Data-Lösungen. „Ich hätte nie gedacht, dass ich innerhalb von ein, zwei Monaten mein eigenes Forecasting-Modell für die Unternehmenssteuerung eines Fahrrad-Verleihs in Python schreiben kann“, verrät sie. War das geplant? Sydne-Aline winkt ab. Sie habe es überhaupt nicht geplant. „Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen“, zitiert sie lächelnd aus John Lennons Beautiful Boy.

Als Solution Specialist Data & AI: Wegbegleiterin für die Einzelhändler

Kurze Zeit nach Beginn ihres Masterstudiums in Madrid machten Meldungen über ein neuartiges Virus die Runde. Rund um den Globus veränderte COVID-19 den Alltag. Harte Lockdown-Maßnahmen erzeugten einen beispiellosen Digitalisierungsschub im Handel. E-Commerce war nicht nur eine Option, sondern oft der einzige Weg für viele Unternehmen. Frictionless Shopping, Grab & Go Stores, autonome und unbesetzte Filialen sind ein paar der Themen, mit denen sich der Handel auf dem Weg ins „New Normal“ auseinandersetzen muss.

Seit April unterstützt ihn dabei Sydne-Aline, denn nachdem sie das MBA- und Master-Studium erfolgreich abschloss, ist sie jetzt wieder zurück bei Microsoft. Sie arbeitet als Solution Specialist Data & AI für Einzelhandelsunternehmen wieder in einer Vertriebsrolle, aber nun mit reichlich Coding- und Technologie-Expertise. Sydne-Aline bildet die Schnittstelle zwischen den Kunden und den Cloud-Solution-Architects, die für die technischen Details zuständig sind. Sie ist eine Vermittlerin zwischen den Welten. „Ich schaue mir die Szenarien von Ende zu Ende an und hole dann die technischen Kolleg*innen mit rein.“ Welche Schritte sind jetzt notwendig? Wo steht der Kunde? Wie lassen sich die möglichen Lösungen umsetzen? Das sind die Fragen, für die sie gemeinsam mit den Kunden und dem Team von Microsoft-Expert*innen die Antworten erarbeitet.

Wie kommen Kunden beispielsweise an bestimmte Daten? Das könne auch eine Frage sein, die es bei der Umsetzung von Lösungen zu beantworten gelte, sagt Sydne-Aline. Sie findet mit ihren Kolleg*innen immer neue Wege, um Daten in eine Cloud-Umgebung wie Microsoft Azure zu heben. Oder um das Geschäft des Kunden so aufzustellen, dass es bereit ist für den Einsatz von Datenanalysen, maschinellen Lernen und künstlicher Intelligenz. „Die Grundlagen müssen nämlich oft erst geschaffen werden“, erklärt sie. Viele Kunden seien offen und bereit für Veränderung, doch die Technologien ihrer Unternehmen seien es längst nicht immer.

Die Nachtschichten beim Studium in Madrid und das schier endlose Programmieren zahlen sich heute aus. Sie müsse zwar nicht mehr selbst programmieren, betont Sydne-Aline, doch der Blick durch die Brille einer Datenwissenschaftlerin und das viele neue Fachwissen seien sehr hilfreich. „Ich kann schneller und besser beraten, weil ich weiß, was mit der richtigen Technik heute möglich ist.“ Solche Querschnittsqualifikationen werden im Vertrieb immer wichtiger: dieses Verständnis für die Leute aus der Software-Entwicklung zu haben, die das Thema dann praktisch umsetzen.

Neue Selbsterkenntnis: Simpler Code und der Blick von der Metaebene

„Das Master-Studium hat nicht vorausgesetzt, dass man Informatik-Kenntnisse mitbringt“, sagt sie, „aber dennoch haben viele Kommiliton*innen diesen Background gehabt“. Entsprechend groß sei der Druck für die anderen gewesen, auch für sie. Und die Palette der Themen war breit: Sie reichte von Recommendation Engines und Streaming über Spark und Python bis zu SQL, MySQL und R. Das wurde ebenso behandelt wie Machine Learning und die zugehörigen Image Classifications. „Ich hätte nicht gedacht, dass es mich so packt“, sagt Sydne-Aline, während sie aufgeregt über Algorithmen, Programmiersprachen und Data-Splitting berichtet. Unzählige Tabs habe sie oft im Browser geöffnet gehabt, um nach Lösungen für spezifische Programmierprobleme zu suchen – damals an den langen Abenden. „Natürlich bin ich dabei auch an meine Grenzen gekommen.“ Der Frust blieb nicht aus. Dann half nur noch der Gang nach draußen und der Dreisatz von Laufen, Durchatmen und Von-vorn-beginnen.

Viel hat sie in dieser Zeit in Madrid  gelernt – über sich selbst und über das Coding. „Simplen Code zu schreiben, hat einige Vorteile – weil man die Themen dann auch noch einmal ganz anders überdenkt“, sagt sie. Man könne sich schnell in komplexen Themen und den Tiefen der Details verlieren. „Versucht man jedoch, das Ganze von der Metaebene zu betrachten, dann erkennt man auch, wie es sich vielleicht simpler gestalten lässt.“ Das ist ein Stück ihrer Lebensphilosophie geworden. Ich nehme die Herausforderung an und schaue, wie ich Schritt für Schritt dem Ziel näherkomme“, sagt sie und räumt ein: „Es kann auch ein holpriger Weg werden, doch es funktioniert immer irgendwie.“

Ledernarben und Laserschnitte: KI für die Automobilindustrie

Im Rückblick erinnert sie sich besonders gern an ein bestimmtes Projekt: Ein Automobilzulieferer wollte den Prüfprozess für das Leder, das er im Innenraum nutzte, neu aufsetzen. „Das war ein sehr manueller Prozess. Das Leder kam auf einem Rollband an und die Mitarbeitenden haben das Leder abgefühlt“, erinnert sich Sydne-Aline, die damals in der STU im Einsatz war. Um den Aufwand für die Mitarbeitenden zu verringern und mögliche Narben und Unebenheiten im Leder schneller zu erkennen, setzte ihr Team auf Bilderkennung. „Wir nahmen einen vorhandenen Algorithmus und passten ihn noch ein wenig an. Es war sehr interessant zu sehen, wie gut sich die Narben so erkennen ließen.“ In einem zweiten Schritt ergänzte das Team die Lösung dann um einen Laser, der die betroffenen Lederstellen automatisch ausschnitt und den Materialverlust dadurch minimierte.

Künstliche Intelligenz: Bringt Menschen aus allen Bereichen zusammen

Bei den Lösungen, um die es in den Projekten von Sydne-Aline geht, spielt KI heute regelmäßig eine Rolle. „Wir hören das immer als Buzzword. Doch ich finde es spannend zu sehen, was wirklich dahintersteckt und wie der Einsatz von KI alle Bereiche betrifft“, sagt sie. Die Technologie bringe auch neue Teams und neue Formen der Kooperation hervor. Wissenschaft und IT würden aufeinandertreffen – und voneinander profitieren. Ein Beispiel ist für sie die Medizin: „Es geht nicht darum, die Kompetenz von Ärztinnen und Ärzten durch KI zu ersetzen, sondern ein stärkeres Fundament durch die Technologie zu schaffen“, erklärt Sydne-Aline. Das menschliche Fachwissen der jeweiligen Disziplinen bleibe weiter gefragt.

Oft beteiligte Sydne-Aline Straßer sich auch an den Initiativen des AI-for-Earth-Programms von Microsoft. Besonders die Möglichkeiten, die sich durch KI beim Klima- und Umweltschutz ergeben, findet sie spannend. Sie erzählt gern von einem Hackathon in Berlin, bei dem Expert*innen verschiedenster Fachrichtungen und Disziplinen zusammenkamen, um Lösungen zu entwickeln – beispielsweise Drohnen, die den Wildtierbestand per Bilderkennung erfassen und Wilderern schützen.

Die Zukunft: Kein völlig planbarer Weg

Im Handel, sagt sie, werden künstliche Intelligenz und Datenanalysen dazu beitragen, dass On- und Offline-Erfahrungen immer stärker zusammenwachsen. Die nahtlose Integration sei dabei ein großes Thema, genauso wie eine übergreifende Customer Journey, die eine personalisierte Beratung über alle Vertriebskanäle hinweg ermöglicht. Das Potenzial sei gewaltig. „Es wird vielleicht ein steiniger Weg, aber dann kommt auch wieder eine Autobahn“, sagt Sydne-Aline und denkt dabei auch an ihren Lebenslauf. Wege wie ihrer, der nicht immer nur geradlinig verlief, werde es in Zukunft wohl öfter geben, weil wir in Zeiten des Umbruchs leben.

Es sei vor allem wichtig, sich selbst zu vertrauen. „Richtig gut planen kann man doch nur die kurz- und mittelfristigen Schritte“, denkt die Big-Data-Expertin. Doch es sei wichtig, offen zu bleiben und die Daten richtig zu bewerten. „Ich habe mich umgeschaut, welche Möglichkeit es gibt“, sagt sie. „Und dann habe ich sie in meinen Plan integriert.“ So sei es auch mit dem Doppelstudium für den MBA und Master in Analytics & Big Data gewesen, als sie nächtelang programmierte. „Jeden Tag wird es auf jede Weise besser“, geht der Song von John Lennon weiter. Ob sich das Leben planen lasse? Nur begrenzt, antwortet Sydne-Aline. „Nicht zu 100 Prozent.“

In unserer Artikelreihe „Developer Stories“ stellen wir regelmäßig spannende Microsoft-Entwickler*innen und ihre Projekte vor. Die vierte Folge mit Daniel Heinze, Software Engineer gibt es hier zu lesen.


Ein Beitrag von Markus Göbel

Senior Communications Manager Data Applications and Infrastructure

Markus Göbel

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